Die sozialdemokratische Arbeiterkulturbewegung und der „Neue Mensch“

Holzschnitt von SPD-Gründers August Bebel, der einen Brief schreibt
Holzschnitt des SPD-Gründers August Bebel

Die Wurzeln der sozialdemokratischen Arbeiterkulturbewegung reichen bis in die Zeit der Sozialistengesetze (1878 – 1890) und noch weiter zurück. Damals wurden sog. „Arbeiterbildungsvereine“ vor allem vom Bürgertum und der Kirche geschaffen. Nach dem Fall des Gesetzes konnten sich Bestrebungen im sozialdemokratischen Milieu, Kulturvereine zu gründen, freier entfalten. So entstand nach 1890 eine große Anzahl von Kulturvereinigungen. Die Blüte der Bewegung findet sich zur Zeit der Weimarer Republik. Hier wurde die Bewegung mit „revolutionärem Impetus“ aufgeladen, die sozialistische Kulturarbeit sollte (auch) den Sozialismus vorbereiten. Zu Beginn des Dritten Reichs zerschlugen die Nazis alle SPD-nahen Organisationen oder gliederten sie in NSDAP-eigene Strukturen ein. Nur einige wenige Organisationen, wie die Naturfreunde oder die Arbeiterwohlfahrt, wurden nach dem Krieg neu gegründet.

Die Arbeiterkulturvereine, die teilweise, aber keinesfalls ausschließlich, von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands selbst eingerichtet wurden, deckten ein breites Spektrum an unterschiedlichen Themenfeldern ab. Unter der enormen Vielzahl der sozialdemokratischen Kulturvereinigungen stechen die Arbeitersportvereine besonders hervor, die ab 1893 gegründet wurden. Weitere bedeutende Vereine stellten die Arbeiter Sänger Vereinigungen und die Sozialistische Freidenker Bewegung dar, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Bedeutend, aber erst 1919 gegründet, ist auch die Arbeiter-Wohlfahrt.

So bot das breite Spektrum der sozialistischen Kulturorganisationen Arbeitern für (fast) alle ihre Kultur- und Freizeitinteressen eine Entfaltungsmöglichkeit. Die meisten Mitglieder SPD-naher Kulturvereinigungen waren zugleich Mitglied der sozialdemokratischen Partei oder einer Gewerkschaft. Mit der Mitgliedschaft in den sozialdemokratischen Arbeiterkulturorganisationen demonstrierte der organisierte Arbeiter öffentlich seine Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie. Zwischen den Organisationen entwickelten sich dabei vielfältige Beziehungen und des Öfteren besaßen Proletarier Mitgliederkarten bei mehr als nur einer Organisation. Besonders bei Feiern und Veranstaltungen unterstützten sich die Vereine gegenseitig. Eine Besonderheit der sozialdemokratischen Kulturbewegung lag darin, dass zu jeder sozialistischen Organisation bürgerliche Parallelvereine existierten, die schon vor der Entstehung der sozialistischen Variante gegründet worden waren. Aber auch innerhalb des sozialistischen Lagers (Sozialdemokraten und Kommunisten) konkurrierten oft KPD-Parallelorganisationen um Mitglieder. Nicht selten entstanden innerhalb der Arbeiterkulturorganisationen leidenschaftliche Diskussionen um die Zugehörigkeit zum jeweiligen Flügel der sozialistischen Bewegung. nach oben ↑

1. Blüte der Arbeiterkulturbewegung in der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik erlebte die Arbeiterkulturbewegung ihre qualitativ und quantitativ größte Ausdehnung, wie 1930 auf dem Arbeiterturnfest in Frankfurt an der Oder | Lizenz: CC-BY-SA-30

Vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Bewegung der vielfach miteinander verbundenen, sozialdemokratischen Kulturorganisationen einen ersten Höhepunkt mit über einer halben Million Mitgliedern erlebt. Kurzfristig bewirkte der Erste Weltkrieg einen Rückgang der organisatorischen Aktivitäten, bevor die Arbeiterkulturbewegung in der Weimarer Republik ihren Höhepunkt erlebte – vor allem gemessen an der Mitglieder-Gesamtanzahl, die 1928 am höchsten war. Damals versuchte die sozialdemokratische Kulturbewegung, möglichste jede neue kulturell-gesellschaftliche Entwicklung durch eine eigene Organisation in das sozialistische Milieu einzubinden. Die Weimarer Republik bedeutete für die sozialdemokratische Kulturbewegung aber nicht nur einen Zuwachs bei den Mitgliederzahlen. Auch das Aufgabenspektrum der Bewegung wurde erweitert.

Hatten vor dem Ersten Weltkrieg vor allem die Allgemeinbildung und bessere (kulturelle) Betätigungsmöglichkeiten der Arbeiterschaft Priorität, erlangte die Arbeiterkulturbewegung in der Weimarer Republik eine explizit politische Bedeutung. Dieser Umstand hing mit den politischen Entwicklungen nach der Revolution von 1918 zusammen, als die SPD in das demokratische Staatswesen der Weimarer Republik mit einbezogen wurde. Das staatspolitische Engagement bedeutete für die deutsche Sozialdemokratie nüchtern-pragmatische Mitarbeit bei der Tagespolitik auf in zahlreichen wirtschaftspolitischen und sozialrechtlichen Aufgabenfeldern. Als nun offiziell staatspolitische Partei drohten der deutschen Sozialdemokratie der revolutionäre Impetus, der „Märtyrer-Status und der „Bewegungscharakter des Kaiserreichs verloren zu gehen. nach oben ↑

2. Ziele und theoretisches Fundament der Kulturbewegung

An diesem Punkt – bei der Schaffung neuer revolutionärer Visionen – setzt der „sozialdemokratische Kultursozialismus“ der 1920er Jahre an. Nicht mehr durch real-politische Aktivitäten wie im Deutschen Kaiserreich, sondern auf kultureller Ebene sollte die Sozialdemokratie nun auf ein neues ideologisches Fundament gestellt werden. Als neue Utopie fungierte dabei das Ideal des „neuen Menschen“, das über sozialistische Kulturarbeit der sozialdemokratischen Organisationen verwirklicht werden sollte, denen dabei naturgemäß die entscheidende Rolle zukam. Die 20 Hamburger „Leitsätze zur sozialistischen Festkultur“ formulieren 1921 erstmals konkret den neuen Anspruch der sozialistischen Kulturbewegung in der Weimarer Republik:

„Zur Verwirklichung der sozialistischen Ziele ist die kulturelle Hebung des Volkes Vorbedingung“

So setzten sich die Arbeiterkulturorganisationen das Ziel, der Arbeiterschaft eine höhere Kultur zu vermitteln und damit den Arbeiter zu veredeln. Der „neue Mensch“, sollte durch einen pädagogischen Lernprozess geschaffen werden und letztendlich einer

„sozialistischen Lebenskultur“

frönen, die in alle Lebensbereiche wirkte. Die „ungehobelten Massen“ sollten abgeschliffen werden. Indem damit die „Lebensführung des Proletariers“ in höhere Bahnen gelenkt würde. So könnte der Sozialismus auf kulturellem Gebiet vorbereitet werden. nach oben ↑

3. Sozialistische Kulturbewegung, Lebensreform und Genussfeindschaft

Familienportrait des Unternehmers Bethel H. Strousberg
Die sozialistische Kulturbewegung hatte auch bürgerliche Vorbilder: Familienportrait des Unternehmers Bethel H. Strousberg aus dem späten 19. Jhr.

Diese „neuen sozialistischen Lebensformen“ bestanden allerdings weder in etwas wirklich Neuem noch etwas spezifisch Sozialistischem. Die geistige Grundlage bildete die Lebensreformbewegung, die aus bürgerlichen Bestrebungen der Jahrhundertwende erwachsen war. Vor allem seit der Weimarer Republik versuchte die Arbeiterbewegung – zeitversetzt und in geringerem Ausmaß – die reformistischen Verhaltensweisen des Bürgertums nachzubilden. Das Bindeglied zwischen bürgerlicher Lebensreformbewegung und sozialistischer Arbeiterkulturbewegung bildeten verschiedene lebensreformerische, ehemals bürgerliche Intellektuelle, die unter anderem wegen der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges in die sozialistische Bewegung eingetreten waren, beispielsweise Gustav Radbruch, Hermann Heller und Paul Hermberg. Zugespitzt formuliert bediente sich die Sozialdemokratie auf dem Weg zum „neuen Menschen“ (und damit zum beabsichtigten Sozialismus) der Mittel der klassischen bürgerlichen Hochkultur, an dessen Bildungsideal sich die sozialistische Bewegung in der Weimarer Republik orientierte.

In diesem Zusammenhang entwickelte die Arbeiterkulturbewegung – verstärkt seit der Weimarer Republik – eine regelrechte „Feindschaft“ gegen ältere Formen der Volkskultur. Im Fokus standen dabei der kulturelle Habitus der Unterschichten und die kapitalistische Populärkultur, die in Arbeiterkreisen weit verbreitet war. Die sozialdemokratische Kulturbewegung war so oft von einer allgemeinen „Vergnügungsfeindschaft“ gekennzeichnet, die nahezu alle Strömungen innerhalb der Bewegung mit einschloss. In diesem Zusammenhang sah man auch den Alkohol als schädlich für den kulturellen Aufstieg der Arbeiterklasse an. Zum Wohle des kulturellen Aufstiegs der Arbeiterklasse sollte das Proletariat in der Freizeit den Alkoholkonsum in Gaststätten – früher elementarer Bestandteil proletarischer Freizeitkultur – durch die Beschäftigung mit klassischer Bildung ersetzen. Alkohol wurde auch deswegen als schädlich angesehen, weil sein Konsum im Verdacht stand, die kapitalistische Populärkultur zu fördern. nach oben ↑

4. Alkohol – Feind des Proletariats: Das Engagement gegen den Alkohol

Plakat des Deutschen Arbeiter Abstinentenbunds gegen den Alkohol: Starker Proletarier zearschlägt eine Schnapsflasche
Vorkämpfer im Lager der sozialdemokratischen Kulturorganisationen gegen den Alkohol: Der deutsche Arbeiter Abstinenten Bund | Foto: Lieber-Weniger.de, Alle Rechte vorbehalten

Ist die Feindschaft gegenüber kapitalistischer Populärkultur ein allgemeines Merkmal der sozialdemokratischen Kulturbewegung, variiert dagegen das Maß der Alkoholgegnerschaft bei den verschiedenen Arbeiterkulturorganisationen. Dabei sind nicht alle Organisationen in dieser Hinsicht von der historischen Forschung untersucht worden. Fest steht aber, dass bei einigen Organisationen eine mehr oder weniger starke Alkoholfeindschaft herrschte. Diese Kulturvereinigungen waren in der sogenannten „Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Alkoholgegner“ organisiert.

Die Initiative für diese Arbeitsgemeinschaft ging vom Deutschen Arbeiter Abstinenten Bund (DAAB) aus, der im proletarischen Milieu der Weimarer Republik als Vorkämpfer gegen den Alkohol auftrat. Der DAAB versuchte, nach dem Vorbild des bürgerlichen „Allgemeinen Zentralverband gegen den Alkoholismus“ ebenfalls eine solche Arbeitsgemeinschaft im sozialistischen Lager aufzubauen. Diese besagte „Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Alkoholgegner“ wurde dann 1927 – nach anfänglichen organisatorischen Schwierigkeiten – schließlich auch gegründet. Der Arbeitsgemeinschaft schlossen sich einerseits zahlreiche Einzelpersonen an, von denen fast alle aus dem sozialdemokratischen Lager stammten. Andererseits fanden zahlreiche sozialdemokratische Kulturorganisationen als Verbände Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft, darunter auch die Naturfreunde.

Das Programm der antialkoholischen Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Kulturbewegung richtete sich (unter anderem) direkt an die allgemeine Arbeiterbewegung. Die zentralen Forderungen bestanden darin, dass man die Führer der Bewegung dazu aufrief, eine wirksame Agitationsarbeit gegen den Alkohol auf die Beine zu stellen, insbesondere durch deren Mitgliederzeitschriften und durch Vorträge und Weiterbildungen. Man forderte zudem ein striktes Verbot von Maßnahmen, die dem Alkoholkonsum förderlich sein könnten, z. B. Werbung in der Arbeiterpresse und die Förderung von Trinkgewohnheiten auf Veranstaltungen. Auch sollten die immer noch übliche Trinksitten und -zwänge auf sämtlichen Veranstaltungen und Festen der Arbeiterbewegung restlos abgeschafft und damit eine abstinente, sozialistische Festkultur gefördert werden. Weiterhin sollten alkoholfreie Einrichtungen im Verbund der sozialistischen Partei und Kulturorganisationen, wie Herbergen und Gaststätten, geschaffen und ein striktes Alkoholverbot am Arbeitsplatz durchgesetzt werden, das durch die Bereitstellung geeigneter alkoholfreier Ersatzgetränke gefördert werden sollte.

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Literatur und Auswahlbibliographie
  • Wunderer, Dieter: Arbeitervereine und Arbeiterparteien. S. 30.
  • Langewiesche, Dieter: Politik – Gesellschaft – Kultur. Zur Problematik von Arbeiterkultur und kulturellen Arbeiterorganisationen in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg; in: Archiv für Sozialgeschichte Heft 22 (1982); S. 359 – 402. S. 392.
  • Walter: Der Deutsche Arbeiter-Abstinenten Bund (DAAB). S. 200.
  • Groschopp, Horst: Zwischen Bierabend und Bildungsverein. Zur Kulturarbeit in der deutschen Arbeiterbewegung vor 1914. Berlin (Ost) 1985. S. 15.
  • Sozialdemokratischer Verein für das hamburgische Staatsgebiet: Bericht der Landesorganisation für zwei Geschäftsjahre vom 1. April 1919 bis 31. März 1921, Hamburg 1921, S. 117.