Der Touristenverein der Naturfreunde in der Weimarer Republik

Portraitfoto von Karl-Renner aus dem Jahre 1905
Dr. Karl-Renner: Gründungsmitglied der Naturfreunde und österreichischer Staatskanzler

Der Touristenverein der Naturfreunde (TVDN) wurde 1895 in Wien gegründet und avancierte in der Weimarer Republik zu einer der bedeutendsten sozialistischen Arbeiterkulturorganisationen. Mit seinen kostengünstigen Wanderaktivitäten ermöglichte der Verein, erstmals vielen Arbeitern, eine echte Urlaubsfahrt zu erleben. In der Weimarer Republik wuchsen die Mitgliederzahlen stark an und bis 1928 waren fast 200.000 wanderfreudige Arbeiter organisiert. Auch das Spektrum der touristischen Aktivitäten gestaltete sich in der ersten deutschen Republik am umfangreichsten. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde der Touristenverein vorübergehende aufgelöst und seine touristische Infrastruktur in die nationalsozialistischen Organisationen eingegliedert. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnten „Die Naturfreude“ neu gegründet werden und stehen heute allen sozialen Schichten für eine naturnahe Freizeitgestaltung offen.

Als der Touristenverein der Naturfreunde 1885 in der Hauptstadt Österreich-Ungarns aus der Taufe gehoben wurde, waren bedeutende Sozialdemokraten an dessen Gründung beteiligt – beispielsweise Dr. Karl Renner, der spätere Staatskanzler der ersten österreichischen Republik ab 1920. Doch nicht nur deswegen verbreitete sich die Vereinsidee schnell im sozialdemokratischen Milieu – auch außerhalb Österreichs. Mit dem Wandern und dem Erlebnis freier Natur begegneten die Naturfreunde einem allgemeinen (Wanderer-)Bedürfnis der Arbeiterschaft. In München entstand 1905 die erste Ortsgruppe im Deutschen Kaiserreich in München.

Bis zu Beginn des 1. Weltkriegs blieb der TVDN ein relativ loser Zusammenschluss von lokalen Organisationen mit nur einigen Tausend Mitgliedern. Bis 1914 bestanden im süddeutschen Raum (Elsass-Lothringen hinzugenommen) nur 36 Ortsgruppen. Insgesamt verfügte der Verein – Deutschland, die Schweiz und Österreich zusammengenommen – über lediglich ca. 25 Naturfreunde-Häuser, die in funktionaler Hinsicht denen des Alpenvereins ähnelten. In der Weimarer Republik begann ein starkes Wachstum der Mitgliederzahlen und in raschem Tempo wurden neue Ortsgruppen gebildet. 1920 existierten im Deutschen Reich bereits 18 Gaue, in denen insgesamt 955 Ortsgruppen mit 65.000 Mitgliedern zusammengefasst waren. Doch nicht nur im deutschsprachigen Raum erwies sich die Idee des proletarischen Wanderns der Naturfreunde als erfolgreich. Unter dem Dachverband der „Naturfreunde Internationale“ organisierten sich schon in der Weimarer Republik Mitglieder der Naturfreunde aus aller Welt – viele davon auch aus den USA. nach oben ↑

Die zentralen Aktivitäten der Naturfreunde

Foto des Naturfreundehaus Karlsbader Hütte in sanfter Hügellandschaft mit Wanderern im Freien
In der Weimarer Republik war der Bau und Bewirtschaftung von Wanderhütten – wie hier die Karlsbader Hütte in Neuhammer – eine zentrale Aktivität der Naturfreunde. Foto: AdS | Lizenz: Alle Rechte vorbehalten.

Bis 1927 bestand die zentrale Aktivität des TVDN im Bau von Berg- und Wanderhütten, den sogenannten Naturfreundehäusern. In der Weimarer Republik überzog die Naturfreundebewegung Deutschland mit einem dichten Netz von Herbergen. 1933 existierten schließlich 220 Naturfreundehäuser. Durch den Bau von Unterkünften im Alpenraum wollte man auch der Arbeiterschicht Urlaub in den Bergen und damit die Teilhabe an der Schönheit der alpinen Natur ermöglichen. Im Gegensatz zu Unterkünften anderer Vereinigungen, wie z. B. dem Alpenverein, verteilten sich die Naturfreundehäuser aber über alle Landschaftsgebiete Deutschlands: von den Bergen Bayerns über die Mittelgebirge Mitteldeutschlands bis an die Strände der Ostsee.

Weitere Aktivitäten des Vereins bestanden in der Gründung von verschiedenen Sektionen innerhalb der Ortsgruppen, die sich besonderen Aufgaben, wie der aktiven Beteiligung am Naturschutz verschrieben. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre kamen zum Wanderhüttenbau der Naturfreunde weitere zentrale Vereinsaktivitäten hinzu: Die Veranstaltung von Ferienfahrten durch die deutsche Reichsleitung. Die Organisation von Ferienfahrten ging gleichzeitig die mit der Einrichtung von speziellen Naturfreunde-Reisebüros einher. 1932 existierten Zentralreisebüros und Wanderauskunftsstellen in zahlreichen Städten Deutschlands. Zum Teil boten die Naturfreunde aber auch Reisen an, bei denen überhaupt nicht mehr gewandert wurde, wie z. B. eine Dalmatien-Adria-Fahrt, die 1930 ohne jegliche Wanderung und ganz im Zeichen von Bequemlichkeit durchgeführt wurde. Insgesamt betrachtet kann man sagen, dass sich die Aktivitäten der Naturfreunde an die allgemeine Tendenz der gesellschaftlichen Modernisierung in der Weimarer Republik anpassten, die auch vor dem Tourismus nicht halt machte. nach oben ↑

Organisationsstruktur und theoretisches Fundament des Touristenvereins

Portraitfotoe einer Wandergruppe der Naturfreunde im Jahre 1923 mit Willi Brandt im Kindesalter
Wandergruppe der Naturfreunde zur Zeit der Weimarer Republik 1923 mit dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt im Kindesalter (unten 2. v. r.) | Foto: AdsD Alle Rechte vorbehalten!

Der Touristenverein der Naturfreunde war zwar organisatorisch selbstständig, trotzdem blieb er eng mit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung verbunden und war fest in das Milieu der sozialdemokratischen Kulturbewegung integriert. in der Weimarer Republik lockerten die Naturfreunde zur Entlastung der Geschäftsstelle in Wien die vormals stark zentralisierten Organisationsstrukturen. Die Ortsgruppen wurden in Gauen zusammengefasst. 1921 richteten deutsche Naturfreunde eine Geschäftsstelle für Deutschland ein und 1925 erfolgte die Bildung einer eigenen Reichsleitung. Neben ihren Wanderaktivitäten setzten sich die oben genannten Sektionen der Naturfreunde Ortsgruppen auch mit verschiedenen Wissensgebieten im Umfeld der Wanderbewegung theoretisch auseinander. So beschäftigte man sich zum Beispiel mit natur- und erdkundlichen Themenfeldern, aber auch mit grundsätzlichen organisatorischen Aspekten der Wander- und Routenplanung. Die Ergebnisse flossen in das Konzept des sog. „sozialen Wanderns“ ein. Es fügte dem reinen Vergnügungszweck der Wanderfahrt Aspekte der gesellschaftlichen, sozialen und naturwissenschaftlichen Bildung hinzu, die durch die Eindrücke der gesellschaftlichen Umgebung auf Reisen vermittelt werden sollten. nach oben ↑

Umfangreiches Vereinsschrifttum der Naturfreunde

Zur Zeit der Weimarer Republik flankierten und dokumentierten die Naturfreunde ihre touristischen und gesellschaftlichen Aktivitäten in einer ganzen Reihe von vereinsinternen Zeitschriften. Sowohl die meisten Gauleitungen, als auch die Zentralorgane des Vereins, die deutsche Reichsleitung und der Wiener Zentralausschuss, gaben eigenständige Zeitungen heraus. Der Bezug des Naturfreunds“, die Mitgliederzeitung der Zentralkommission, war für alle Mitglieder obligatorisch. Die meisten deutschen Naturfreunde lasen zudem den „Wanderer“, das Zentralorgan der deutschen Reichsleitung. Die Artikel in den Vereinszeitschriften beschäftigten sich nicht nur mit Reiseberichten, organisatorischen Hinweisen und Veranstaltungstipps, sondern auch mit gesellschaftlich-politischen Fragen der Zeit. nach oben ↑

Das vorübergehende Ende des TVDN

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte 1933 – mit der Gleichschaltung aller Gewerkschaften und dem Verbot der meisten Arbeitervereine – den Aktivitäten des proletarischen Touristenvereins, der in der Weimarer Republik einst stolze 200.000 Mitglieder gezählt hatte, ein unrühmliches Ende. Genauso wie andere Arbeitervereine ab 1939 durch die Nationalsozialisten entweder gleich- oder gänzlich ausgeschaltet wurden, ereilte auch die Naturfreunde dieses Schicksal. Die Organisation wurde verboten und ihre touristische Infrastruktur durch die Arbeiterreiseorganisation der Nazis – Kraft durch Freude – genutzt. Erst in der Bundesrepublik Deutschland konnten die Naturfreunde neu gegründet werden und der Touristenverein besteht bis heute.

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Literatur und Auswahlbibliographie
  • Buchsteiner, Thomas: Arbeiter und Tourismus. 1984.
  • Günther, Dagmar: Wandern und Sozialismus. Zur Geschichte des Touristenvereins „Die Naturfreunde“ im Kaiserreich und der Weimarer Republik. 2003.
  • Keitz, Christine: Reisen als Leitbild. Die Entstehung des modernen Massentourismus in Deutschland. 1997.
  • Pils, Manfred: „Berg frei“. 100 Jahre Naturfreunde. 1994.