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Arbeitertourismus: Die „Kraft durch Freude“-Fahrten im Dritten Reich

Holzschnitt eines alten Hotels für adlige Gäste
Reisen & schicke Hotels: Lange Zeit nur dem Adel und Bürgertum vorbehalten, was sich aber ab der Weimarer Republik änderte

Schon in der Weimarer Republik beginnt der organisierte Arbeitertourismus, begründet durch die Durchsetzung des Tarifvertragswesens. Während des Dritten Reichs schalteten die Nazis die zahlreichen in der Weimarer Republik entstandenen Arbeiter-Reiseorganisationen gleich und vereinigten die Arbeiter-Ferienfahrten unter der Flagge „Kraft durch Freude“. Allen Arbeitern sei damals ermöglicht worden, in den Urlaub zu fahren – so die Propaganda der Nationalsozialisten. Statistiken belegen aber, dass dem nicht der Fall gewesen ist. Der „soziale Dammbruch“ des Tourismus erfolgte erst mit dem steigenden Lebensstandard in der Bundesrepublik und dem forcierten und organisierten Arbeitertourismus der DDR.


Vorgeschichte: Arbeitertourismus in der Weimarer Republik

Der Beginn des organisierten Arbeitertourismus in nennenswertem Ausmaß findet sich schon in der Weimarer Republik. Diese Entwicklung lag vor allem in der Durchsetzung des Tarifvertragswesens begründet. Er gelangte in der Weimarer Republik – durch die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs und die Revolution 1918 – endgültig zum Durchbruch. Anfang 1928 hatten schließlich 75 Prozent (10,1 von 14,4 Millionen) aller tarifbeschäftigten Arbeiter einen Anspruch auf Urlaub, auch wenn sich dieser meist auf eine einzige Woche im Jahr beschränkte.

So bildete sich im Laufe der 1920er Jahre eine rege Reisetätigkeit heraus. Reisen für Arbeiter boten dabei einerseits politische Reise-Organisationen an, wie der „Reichsausschuss für politische Bildungsarbeit“ (SPD) oder das Arbeiter-Bildungsinstitut Leipzig (gewerkschaftliche Organisation). Andererseits veranstalteten vor allem Arbeitervereine Reisen für die Arbeiterschicht. Die weitaus größte Bedeutung erlangte dabei der „Touristenverein der Naturfreunde“. Schon im Deutschen Kaiserreich gegründet, erlebte der SPD-nahe Verein in der Weimarer Republik ein rapides Wachstum: 1920 existierten im Deutschen Reich bereits 18 Gaue, in denen insgesamt 955 Ortsgruppen mit 65.000 Mitgliedern bestanden. Aber auch die Tourismusindustrie begann sich in der Weimarer Republik langsam auf Arbeiter als Kunden einzustellen. Das führte zur Gründung einer (begrenzten) Zahl von Reisebüros, die auch Arbeiterreisen anboten.
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Kraft durch Freude (KdF, 1933 – 1939)

Das nationalsozialistische Emblem für Kraft durch Freude: Hakenkreuz mit rotten Flügeln
Das Emblem der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“

Die NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) führte Arbeiterreisen im nationalsozialistischen Deutschland durch – mit faktischer Monopolstellung am Markt. Ihr Anspruch bestand darin, allen deutschen Werktätigen eine Urlaubsreise zu ermöglichen. Kraft durch Freude war eine Unterorganisation der nationalsozialistischen Einheitsgewerkschaft „Deutsche Arbeitsfront“ und sollte für eine „gesunde Freizeitgestaltung“ der deutschen Arbeiterschaft sorgen. Das Vorbild der Arbeiterreiserganisation war das italienische Freizeitwerk unter Benito Mussolini gewesen. Robert Ley – Leiter der Deutschen Arbeitsfront – hatte die Freizeitorganisation im faschistischen Italien kennengelernt. Auf sein Bemühen hin war es so, mit der Zustimmung Hitlers, am 27. November 1933 zur Gründung der KdF – Organisation gekommen, in dessen Zuge andere Arbeiterreiseorganisationen und -vereine ab 1939 entweder gleich oder gänzlich ausschaltet wurden. Ein Schicksal, das unter anderem die Naturfreunde ereilte. Kommerzielle Anbieter wurden durch Preisdumping aus dem (Arbeiterreise-)Markt gedrängt.

Im Programm der Kraft-durch-Freude-Fahrten standen vor allem Kurz- und Sonntagsfahrten, die mit Sonderzügen der Reichsbahn durchgeführt wurden (welche der KdF 75 % Preisnachlass gewährte). Diese Tagesausflüge führten unter anderem nach Rothenburg ob der Tauber, an den Bodensee, in den Harz oder nach München zum Oktoberfest. Mit einem Reisepreis von nur einer bis fünf Reichsmark waren diese Fahrten äußerst beliebt und häufig ausgebucht. Auch Wanderfahrten wurden unter KdF-Flagge durchgeführt. (Mindestens 3-tägige) Urlaubsfahrten wurden immer mit Sonderzügen der Reichsbahn durchgeführt. Die Urlauber wurden auf die Hotels, Privatunterkünfte und Pensionen der Zielgebiete verteilt, wo sie weitgehend sich selbst überlassen blieben (mit der Möglichkeit, freiwillig Unterhaltungsabenden beizuwohnen). Hierdurch konnten diese Fahrten sehr preisgünstig gestaltet werden.

Im Vergleich zu anderen Veranstaltern waren Kreuzfahrten – das Paradestück der KdF-Fahrten – konkurrenzlos billig. KdF chartert dabei Schiffe anderer Veranstalter, bot Kreuzfahrten zu einem Einheitspreis an und verloste die Kabinenplätze unter den Reisenden. Die KdF-Kreuzfahrtschiffe waren dabei teilweise stark überbelegt. Um seinen „Kunden“ Auslandsreisen anbieten zu können, schloss der NS-Staat 1937 ein Abkommen über den Austausch von Touristen mit Italien. So überquerten in den folgenden Jahren mehr als 145.000 Deutsche den Brenner gen Süden.

Foto des KdF Kreuzfahrtschiffs Ozeania mit winkenden Personen bei der Abfahrt
Kreuzfahrten. Das Paradestück der KdF-Fahrten| Foto: Neumaierj, Lizenz CC-BY-SA 3.0

Insgesamt betrachtet muss das Ziel der Organisation KdF, allen Arbeitern des Deutschen Reichs Ferienfahrten zu ermöglichen, als gescheitert betrachtet werden. Zwar wurde die NS-Propaganda nicht müde zu betonen, dass es die Nationalsozialisten der Arbeiterschaft ermöglicht hätte, nun allesamt auf Ferienfahrt zu gehen. Aber auch die massiven Anstrengungen unter der KdF-Flagge ermöglichten dem Großteil der Arbeiterschaft noch keinen regelmäßigen Erholungsurlaub. Einerseits betrug der Anteil der KdF-Urlauber am Gesamtreiseaufkommen 1933 – 1939 weniger als zehn Prozent. Andererseits lag der Arbeiteranteil bei KdF-Fahrten – je nach Reiseform – lediglich bei 17 bis 39 Prozent. Somit gehörte nur jeder dritte bis vierte KdF-Teilnehmer der Arbeiterschaft an. Die Mittelschichten, also Angestellte und Beamte, waren bei den KdF-Reisen stark überrepräsentiert, auch wenn offiziell gar nicht teilnahmeberechtigt. Auf der anderen Seite begann mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 die Gewährung von Arbeiterurlaub durchaus zur Selbstverständlichkeit zu werden: Spätestens ab 1937 besaß die Mehrzahl der lohnabhängig Beschäftigten einen Anspruch auf sechs bis zwölf Ferientage im Jahr, bei voller Fortzahlung des Lohns.

Mit Kriegsbeginn 1939 wurde der Reisebetrieb der KdF-Organisation beinahe komplett eingestellt. Die touristische Infrastruktur der KdF diente im 2. Weltkrieg nahezu ausschließlich der Truppenbetreuung. nach oben ↑

Ausblick – Sozialer Dammbruch des Tourismus: Der Arbeitertourismus in der Nachkriegszeit

Der wirkliche soziale Dammbruch, d. h. die Möglichkeit für die breite Mehrheit der Arbeiterschicht, zu verreisen, fand erst in der Nachkriegszeit statt. Ab 1963 existierte für alle Bürger (der beiden) Deutschlands ein gesetzlich festgeschriebener Urlaubsanspruch. In der DDR war das Grundrecht des Arbeiters auf Urlaub schon seit 1949 in der Verfassung festgeschrieben worden. Es wurde 1951 in ein Rahmengesetz überführt, das jedem Werktätigen einen jährlichen Anspruch auf mindestens 12 Urlaubstage pro Jahr zusicherte.

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In der Bundesrepublik Deutschland fuhren dagegen bis Anfang der 1960er Jahre überwiegend die Angehörigen der Mittel- und Oberschichten in den Urlaub. Dafür, dass sich dies änderte, sorgten vor allem der Sozialtourismus durch Ferien- und Freizeitorganisationen der Gewerkschaften. Diese Organisationen besaßen Reisebüros, Auskunftsstellen und teilweise auch eigene Feriendörfer. Nach und nach wurde der Sozialtourismus in der Bundesrepublik Anfang der 1960er Jahre vom aufkommenden Billigtourismus verdrängt.
Genauso wie in der Bundesrepublik wurde nach 1949 die touristische Selbstverwirklichung des Arbeiters (durch massive Anstrengungen der politischen Führung der DDR) erstmals möglich. Eine zentrale Stellung nahm dabei der 1947 gegründete Reisedienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB) ein. Um dem touristischen Konkurrenzdruck des Klassenfeinds zu begegnen, baute der FDGB ein umfassendes Netz an touristischer Infrastruktur auf. So verreisten im Laufe der 1980er Jahren Arbeiter fast genauso häufig wie Angehörige der Mittel- und Oberschichten.

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