Vincent van Gogh (1853-1890) – Der Maler, der sich das Ohr abschnitt

Denn ich glaube fast, dass diese Bilder Euch sagen werden, was ich mit Worten nicht sagen kann …

Van Gogh, Brief 898 ca. 1890

Wer die zahlreichen Selbstbildnisse des niederländischen Künstlers Vincent van Gogh (1853-1890) betrachtet, blickt in ein vom Leben gezeichnetes Gesicht: Die Augen sind träge, der Blick scheint dabei schwermütig ins Leere zu schweifen, die Wangen wirken eingefallen. Dass van Gogh im Alter von gerade einmal 37 starb, verwundert angesichts seiner Selbstbildnisse durchaus. Doch van Gogh ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Paris, London oder Den Haag: Sein Leben ist turbulent, Ruhe findet er scheinbar nirgends. Bevor er im Alter von 27 Jahren Künstler wurde, arbeitete er zuvor als Kunsthändler, als Hilfslehrer oder als Prediger. Was alle seine Lebensstationen vereint, ist die Suche nach einer Bestimmung, nach einer Identität und einem Platz im Leben. Ein Überblick über ein turbulentes und kurzes Leben eines der angesehensten Maler der Moderne.

Die Kunst und die Religion sind dabei Van Goghs große Leidenschaften und tonangebend in seinem kurzen Leben. Beide Bereiche lebte van Gogh dabei mit großer Hingabe aus. Der Niederländer scheint per se immer am Limit gelebt zu haben. Seine Emotionen überträgt er dabei mit Leichtigkeit auf seine Leinwand. Einsamkeit und Melancholie sind zeitlebend seine ständigen Begleiter. Viele seiner Bilder wirken aus diesem Grund besonders düster bis melancholisch – denn das Künstlergenie van Gogh, das die Moderne Kunst einläutete und als Vertreter des Spätimpressionismus (1880-1905) gilt, war vor allem auch einsam. Dies wirkte sich nicht zuletzt auf seine Psyche aus. Seine mentalen Probleme häuften sich, je älter er wurde. Mindestens genauso berühmt wie seine Sonnenblumenbilder, ist der Künstler daher auch für sein im Wahn abgeschnittenes Ohr – dem Höhepunkt seiner schlechten psychischen Verfassung.

Ob in Romanen, in Liedern oder im Film: Auch heute, mehr als 120 Jahre nach seinem Tod, stößt van Gogh noch immer auf reges Interesse. Er ist mit Abstand einer der bekanntesten und populärsten Maler. Doch was macht den Mythos van Gogh eigentlich auch für die heutige Zeit noch immer so attraktiv? Und was steckte – fernab von der Legendenbildung – wirklich hinter der schillernden Figur Vincent van Gogh, der vor allem für seine Kunst, mindestens aber genauso für sein abgeschnittenes Ohr Bekanntheit erlangte.

1. Der Mensch: Vincent sucht seinen Platz im Leben

1.1 Der Schüler

Es ist das Jahr 1853: Ganz genau ein Jahr nach einer Todgeburt der Pastorenehefrau Anna Cornelia erblickte ein nun gesundes Kind das Licht der Welt. Es war Vincent Willem van Gogh, der am 30. März seinen ersten Atemzug in Groot-Zundert (Niederlande) nahm. Vincent wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Die Eltern erzogen ihn und seine weiteren fünf jüngeren Geschwister streng religiös im Sinne der sogenannten Groninger Partei – einem Ableger der holländisch-reformierten Kirche. Die Verhältnisse im Elternhaus waren einfach. Ein Umstand, der wegweisend für den jungen van Gogh werden sollte, da er sich sein ganzes Leben lang für die Bedürftigen einsetze und selbst lange Zeit in Armut leben sollte, um seinen Traum Prediger zu sein, in die Realität umzusetzen.

Zunächst besuchte Vincent jedoch die Dorfschule in seinem Heimatort. Dort lernt er mehr schlecht als recht lesen, schreiben und rechnen. Wenig später, im Jahr 1864, besucht er das Internat in Zevenbergen. Weit entfernt von seinen Eltern und Geschwistern lernte er dort Französisch, Deutsch und Englisch. Van Gogh war nur ein mittelmäßiger Schüler. Dies sollte sich auch nicht auf der Realschule Hanik in Tilburg ändern. Seine Eltern, die die Kosten für seine gescheiterte Ausbildung nicht weiter tragen konnten noch wollten, forderten Vincent schließlich dazu auf, sich eine Anstellung zu suchen.

1.2 Der Kunsthändler  

Christliche Werte spielten in der Familie van Gogh seit jeher eine entscheidende Rolle. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der Berufswahl der männlichen Familienangehörigen wider. Dennoch waren drei von Vincents Onkeln im Kunsthandel tätig. Sein Onkel Cent hatte damals seinen früheren Teilhabern der Galerienkette der Pariser Kunstverleger Goupil& Cie. seine Galerie in Den Haag, überschrieben. Tersteeg, der frühere Angestellte des Onkels, hatte daraufhin, mit gerade einmal 24 Jahren, die Geschäftsleitung übernommen. Er konnte seinem früheren Chef die Bitte nicht abschlagen, seinem Neffen eine Arbeit anzubieten. Demzufolge trat Vincent van Gogh im Alter von 16 Jahren im Jahr 1869 seine Lehre als Lehrling in der Den Haager Filiale von Goupil & Cie an. Das Unternehmen war zu jener Zeit eine bestehende Größe und war im Inbegriff, im fernen Amerika Fuß zu fassen. Spezialisiert hatte sich das Unternehmen dabei auf die Reproduktion von Druckgrafiken. Die zahlreichen Graphiken, Stiche, Radierungen sowie Lithographien, welche Gopil & Cie in Berlin, London, Brüssel und in Paris vertrieben, verkaufte van Gogh von nun an in Den Haag. Vincent war dabei äußerst gelehrig und eifrig. Sein Vorgesetzter bezeichnete ihn als pünktlichen, diskreten und vor allem höflichen Angestellten. Dies geht aus einem Schreiben von Tersteeg an den Onkel von van Gogh hervor. Die Bemühungen zahlten sich aus: Im Jahr 1973 erhielt der junge van Gogh eine Erhöhung seines Lohns um 50 Gulden pro Monat. Seine Beförderung war demnach beschlossen. Fortan sollte er in London für das Unternehmen arbeiten. Van Gogh blickte in eine glänzende Zukunft.

1.3 Der Lehrer

Vincent van Gogh traf daraufhin im März 1873 in London ein. Da war er gerade einmal 20 Jahre alt. Zur selben Zeit kam es jedoch immer häufiger zu plötzlichen Wutanfällen. Van Gogh war unglücklich. Dies legen auch die Zeilen nahe, die er an seinen Bruder schrieb: „Ich glaube, das Leben ist noch ziemlich lang, und die Zeit kommt von selbst, da ein anderer Dich gürten wird und führen, wo du nicht hinwillst.“ (I 26,23). Parallel zu seiner schlechten mentalen Verfassung, litt auch der Beruf immer mehr unter seinen Gemütsschwankungen. Schließlich war man nicht mehr dazu bereit, das Verhalten von Vincent gegenüber der Kundschaft von Goupil & Cie zu tolerieren. Der junge Mann wurde in Folge dessen nach Paris berufen. In Paris angekommen, erhielt Vincent Nachricht über den Tod einer seiner Onkel. Van Gogh, verzweifelt und verwirrt, suchte zu dieser Zeit vor allem Halt in den frommen Texten der Bibel. Jeden Sonntag besuchte er zudem die Predigten des jungen Pastors Bersier. Es entstand zu dieser Zeit eine besonders enge Freundschaft zwischen den beiden Männern. Die Religion nahm einen immer größer werdenden Stellenwert im Leben des jungen Mannes ein: Da sich Vincent, in den Augen seiner Vorgesetzten, jedoch zu sehr dem Gebet widmete und den Verkauf von Drucken vernachlässigte, kündigte man ihm schlussendlich seine Anstellung.

Van Gogh bewarb sich daraufhin rasch auf Stellen, welche er in der englischen Tageszeitung ausgeschrieben fand. Seine Bewerbungen blieben zunächst unbeantwortet. Einen Tag bevor er Paris verlassen wollte, bat ihm schließlich der Schulmeister Mr. Stokes ein Praktikum an – ohne Bezahlung, dafür aber mit Kost und Logis. Van Gogh begann in Folge dessen im Alter von 23 Jahren seine Tätigkeit in Ramsgate (Kent) als Hilfslehrer: Hier sollte er 24 zehn- bis vierzehnjährige Jungen in Französisch unterrichten, sowie ihnen die „Anfangsgründe“ der Arithmetik und Orthographie näherbringen.

1.4 Der Prediger

Seine Arbeit als Hilfslehrer füllte van Gogh jedoch nicht aus. Noch dazu hatte er erhebliche Probleme mit der englischen Sprache. In einem vom 17. Juni 1876 datierten Brief gab der junge van Gogh seinem Bruder zu verstehen, was er in Wirklichkeit in London suchte. So schrieb er: „Sollte ich etwas finden, so wäre es wahrscheinlich eine Stellung so zwischen Prediger und Missionar unter Arbeitern in den Vorstädten in London“ (I, 68,69). Vincent nahm zu jener Zeit ebenfalls Kontakt zu einem Pastor auf, um London missionary zu werden. Das Mindestalter betrug damals 24 Jahre. Vincent, ein Jahr zu jung, musste sich also gedulden. In der Zwischenzeit arbeitete er in Isleworth, wohin Mr. Stokes seine Schule verlegt hatte. Jeweils morgens und abends laß Vincent den Jungen aus der Bibel vor. Mr. Stokes verweigerte ihm trotzdessen auch weiterhin jegliche Bezahlung. Der Methodistenpfarrer Jones bot van Gogh schließlich an, an seinem Internat im selbigen Ort als Lehrer für Biblische Geschichte zu arbeiten. Vincent willigte ein – denn beten, beten lassen, Kirchenlieder in der Gemeinschaft singen und von der Heiligen Schrift sprechen zu können, bedeutete für van Gogh Missionar zu sein, was er zu diesem Zeitpunkt seines Lebens als seine Berufung und dringlichsten Wunsch begriff.

Am 04. November 1876 war es dann soweit und van Gogh durfte zum ersten Mal predigen. „Ich hatte ein Gefühl wie jemand, der aus einem dunklen, unterirdischen Gewölbe wieder ins freundliche Tageslicht kommt, als ich auf der Kanzel stand (…)“ (I, 84, 79). Nur wenige Monate später, im Frühjahr 1877, brach Vincent in Richtung Amsterdam auf, um sich nun auf ein Theologiestudium vorzubereiten. Einquartiert bei einem seiner Onkel, beschäftigte er sich mit dem Studium der alten Sprachen, nahm Unterricht in Mathematik und versuchte seine Defizite an Bildung auszugleichen, mit denen er schon zu Schulzeiten zu kämpfen hatte. Doch auch das geplante Studium sollte sich als Irrweg herausstellen: Van Gogh brach seine Vorbereitungen ab, noch bevor er durch die Aufnahmeprüfung fallen konnte. Die religiösen Schwärmereien des jungen Mannes nahmen jedoch nicht ab. Er lebte geradezu besessen von der Idee einer religiösen Nachfolge: Seine Programmschrift war Thomas von Kempens spätmittelalterliches Erbauungsbuch von der „Nachfolge Christi“, seine Identifikationsfigur war der Missionar Paulus.

Der Familienrat beschloss schließlich, dass van Gogh sich als Laienprediger versuchen sollte, da dort weniger theologische Kenntnisse aber vor allem Menschlichkeit gefragt sei. In der Boriange (Belgien), eines der damals bedeutendsten Steinkohlereviere Europas, schlug jedoch der aufopfernde und vor allem strenge Geist Vincents über alle Stränge. Wie einst der heilige Martin, teilte nun auch van Gogh seine Kleider mit den Armen. Darüber hinaus zog er wie der heilige Franziskus in eine alte und heruntergekommene Hütte und ernährte sich buchstäblich nur noch von Wasser und Brot – ganz im Sinnbild strenger Exerzitien. Zwar brachte ihm sein Verhalten und die damit verbundene Authentizität die Solidarität der Bergarbeiter und Bedürftigen ein, auf der anderen Seite führte sein Leben nach einem strengen evangelikalen Vorbild schließlich dazu, dass die Obersten der Kirchenprovinz sich dazu entschlossen, seinen Vertrag als Laienprediger nicht weiter zu verlängern. Vincent war nun vollkommen mittellos und lebte, selbst zum Erschrecken seines Bruders Theo, im Armengetto. Van Gogh verspürte zu jener Zeit eine große Ruhelosigkeit und Verzweiflung. Nach den vielen Versuchen, einen Platz im Leben zu finden, musste er sich nun eingestehen, dass er weder das Zeug zum Kunsthändler hatte, noch den Beruf des Pastors zufriedenstellend ausüben konnte. Was sollte bloß aus ihm werden?  

2. Der Maler: Van Gogh entdeckt sich als Künstler

Den Gemälden und Zeichnungen von van Gogh ist heute nicht anzumerken, dass er sich das Malen als Autodidakt, also im Selbststudium, aneignete. Nach seinen vergeblichen Versuchen, als Kunsthändler, Lehrer oder Prediger tätig zu sein, sah er nun seine Zukunft in der Kunst. Er fühlte sich als Taugenichts. Die Beziehung zu seiner Familie war zunehmend angespannt. Insbesondere auch, weil er finanziell in Abhängigkeit zu seiner Familie stand.

Um diesem Zustand ein Ende zu bereiten setzte er seinen Weg im Oktober 1880 nach Brüssel fort, um sich „einige Geschicklichkeit“ (137) anzueignen und, um in der Kunstszene Fuß zu fassen. Ob van Gogh tatsächlich die dortige Kunstakademie besuchte, ist übrigens umstritten. Seine ersten Werke schickt er nach Hause an seinen Vater „damit er sieht, daß ich etwas tue“ (138). Zu jener Zeit nahm sich auch der berühmte holländische Maler Anton Mauve, der Schwager seiner Mutter, Vincent an. Er machte ihn mit den Farben vertraut und Vincent glaubte fest daran, nun endlich seine Berufung gefunden zu haben.

Im April 1881 kehrte van Gogh in sein Elternhaus nach Etten zurück. Es kam zu einem Streit zwischen ihm und seiner Familie. Der Grund dafür war seine erst kürzlich verwitwerte Cousine Kee Voss, in der er sich unglücklich verliebt hatte. Zwar blieb seine Liebe unerwidert – nichtsdestotrotz sollte seine Begegnung mit der Cousine positive Effekte auf seine Kunst haben. Van Gogh schrieb seine Zeichnungen betreffend an seinen Bruder: „ Zu meinem Leidwesen bleibt immer noch etwas Hartes, Strenges in meinen Zeichnungen, und ich glaube, daß sie [Kee, d. Aut.], nämlich ihr Einfluß, dazukommen muß, um das weicher zu machen.“ (157). Und in der Tat führten die neuen Gefühle zu einer noch nicht dagewesenen Geschmeidigkeit in den Bildern des Malers. Unter der Anleitung von Mauve entstanden zur Jahreswende um 1881 die ersten beiden Gemälde von van Gogh: Stillleben mit Kohl und Holzschuhen und Stillleben mit Bierkrug und Früchten. Vincents erste künstlerische Schritte waren zunächst äußerst zaghaft. Dennoch versuchte er nun erstmalig die Plastizität sowie die Lichtwirkung seiner Motive in einem eher lockeren Arrangement miteinander zu verbinden.

Nach dem Zerwürfnis mit seinen Eltern siedelte van Gogh schließlich nach Den Haag über. Dort verbrachte er die erste Zeit bei seinem Mentor Mauve mit dem er sich dann jedoch ebenfalls zerstritt. Auch hier war eine Frau der Anlass für den Streit: Christine Clasina Maria Hoorik, kurz Sien genannt, war genauso wie Klee älter als Vincent. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Prostitution und erwartete gerade ein zweites Kind. Sien war keine Schönheit oder ein verlässlicher Charakter und doch sollte Vincent von ihr schreiben, dass er noch nie eine solche Hilfe gehabt hätte, „wie diese häßliche??? [sic!] verblühte Frau“ (Brief R 8 an Rappard). Für ihn war sie schön und er schien in ihr genau das zu finden, was er brauchte und in den Menschen suchte: Liebe, Zuneigung und vor allem das Gefühl gebraucht zu werden.

Die Probleme blieben nicht aus: Zwar ließ sich die Gelegenheitsprostituierte Sien von van Gogh bekehren, dennoch konnte sie dem Alkohol nicht entsagen. Van Gogh fiel es darüber hinaus immer schwerer, die Kleinfamilie durch seine Kunst zu ernähren, welche seit jeher nicht viel Ertrag eingebracht hatte. Außerdem drängte auch seine Familie ihn, die Beziehung zu Sien abzubrechen. Man sorgte sich um Vincent und seinen Ruf. Nachdem van Gogh ins Krankenhaus musste, um eine Gonorrhöe (Tripper) auszukurieren, die er sich durch seine Geliebte zugezogen hatte, beschloss er sich dazu, für ihre zwei Kinder eine neue Unterkunft zu suchen. Sien kam daraufhin in einem Bordell unter. Wenig später sollte sie sich in ein Hafenbecken stürzen und ertrinken.

Van Gogh kehrte nun nach Nuenen (Niederlande) zu seinen Eltern zurück, die mittlerweile dort sesshaft geworden waren. Von 1883 bis 1885 lebte er dort. Ständige familiäre Streitereien hielten ihn im Atem. Nichtsdestotrotz sollte Vincent es dort am längsten aushalten. Er widmete sich nun in einem eigens eingerichteten Atelier ganz der Kunst – u.a. entstand zu dieser Zeit seine Serie die „Weber“. Nuenen sollte nicht nur aufgrund der Dauer seines Aufenthaltes eine prägnante Station in seinem Leben sein. Van Gogh musste dort mit gleich zwei Schicksalsschlägen zurechtkommen: Dem Tod seines Vaters am 26. März 1885 und dem versuchten Suizid seiner Geliebten, Margot Bergemann, eine Frau aus der Nachbarschaft zu der er kurz intimen Kontakt hatte. Im Jahr 1885 brach van Gogh schließlich doch nach Antwerpen auf, um dort Kunst zu studieren. Die französischen Maler Signac, Seurat und Gaugin hatten dabei großen Einfluss auf ihn. Van Gogh begann nun mit verschiedenen Malstilen zu experimentieren.

Van Gogh zog jedoch abermals weiter: Von 1886 bis 1888 lebte er in Paris bei seinem Bruder Theo. Die Kunstmetropole erschien ihn wie eine Offenbarung: In der Großstadt kam er zum ersten Mal in den direkten Kontakt mit dem dort vorherrschenden Impressionismus. Van Gogh selbst äußerte sich über das Schaffen der Impressionisten wie folgt: „In Antwerpen wusste ich nicht einmal, was die Impressionisten sind, jetzt habe ich sie gesehen, und obwohl ich mich nicht [sic!] zu ihnen zähle, habe ich doch manche impressionistischen Bilder sehr bewundert.“ (569). Vincent lernte zu dieser Zeit neben Pablo Picasso, Paul Signac auch Paul Gauguin näher kennen, einen einflussreichen französischen Maler, der vor allem für seine Bilder aus der Südsee bekannt ist und zu einem späteren Zeitpunkt einen entscheidenden Einfluss auf van Goghs Leben haben sollte. Van Goghs Künstler-Netzwerk verdichtete sich immer mehr. Dem jungen Maler ging es jetzt vor allem darum, einen eigenen Stil zu entwickeln.

Besonders fasziniert war er dabei von japanischen Holzschnitten. Die Einfachheit und die matten Farben ließen ihn eine starke Anziehung verspüren. Japan sollte später für ihn zu einem Sinnbild des Paradieses für Maler (691) werden. Am 19. Februar 1888 verließ van Gogh jedoch auch Paris. Zu groß und zu bedrückend waren wohl die vielfältigen Eindrücke der Großstadt, welche auf ihn einwirkten. Auf der Suche nach mehr Ruhe, zog der Künstler weiter nach Südfrankreich. In Arles schuf er um die 200 Gemälde und 100 Zeichnungen in einem Zeitraum von 14 Monaten. Arles markiert den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens sowie auch seiner psychischen Leiden. In seinen Bildern benutzte er nun die Linien und Farben eigenständig, versuchte jedoch dabei auch stets das Charakteristische seiner Motive gezielt herauszuarbeiten. Fast spielend leicht, schienen dabei die Malwerkzeuge über die Leinwände und Papiere zu gleiten. Van Gogh schrieb in einem weiteren Brief an seinen Bruder diesbezüglich: „Hätte ich in Paris die Zeichnung von den Booten in einer Stunde hinbekommen? […] sie ist gemacht, ohne Maß zu nehmen, ich ließ einfach der Feder ihren Lauf.“ (620).

Als schließlich der Künstler Paul Gaugin eintraf, schien van Goghs nächstes Ziel in greifbarer Nähe: Er träumte von einer eigenen Künstlerkolonie. Mit Gaugin, der sich zwar lange bitten ließ, aber dennoch – nach einer reichlichen Bezahlung durch Theo van Gogh – zu Vincent reiste. Der Anfang war getan und doch sollten auch hier bald wieder dunkle Wolken heraufziehen. Am Ende von Gaugins Aufenthalt lag van Gogh blutend am Boden. Ein Teil seines Ohres fehlte. Doch war es wirklich van Gogh, der sich ein Teil seines Ohres selbst abschnitt?

3. Der Autor: Van Gogh, seine Briefe – Fenster zu seinem Selbst?

Vincent van Goghs sehnlichster Wunsch war es seit jeher, den Menschen etwas zu bedeuten und einen nützlichen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Nichts schien ihm wichtiger als der Beweis, dass er sein Leben auch wirklich verdient hatte. Dementsprechend zitiert er an einer Stelle seiner Briefe u.a. den Jesus-Biografen Ernest Renan: „Der Mensch ist nicht auf der Welt, um nur glücklich zu sein, (…). Er ist auf der Welt, um durch die Gesellschaft Großes zu leisten (…)“ (33). Zu Lebzeiten verkaufte van Gogh nur ein einziges Gemälde (Roter Weinberg). Beifall erntete der Künstler erst nach seinem Tod. Sein Status als Begründer der modernen Kunst, der sich erst im 20. Jahrhundert einstellen sollte, lässt sich dabei auf zwei Aspekte begründen: Auf der einen Seite sind hier natürlich seine Werke zu benennen. Van Gogh schaffte es, alltägliche und leicht erkennbare Motive auf seiner Leinwand einzufangen. Seine Pinselführung wirkt dabei spontan und zugleich kraftvoll und tiefgehend.

Van Gogh verstand es, trotz ebenjener Spontanität, eine weitreichende Palette an tiefgreifenden Emotionen geradezu zu konservieren und greifbar zu machen. Dies ist einer der wesentlichen Aspekte, warum die Bilder von van Gogh auf so ein großes Gefallen stoßen. Sie sind zugänglich und sprechen den Betrachtet direkt an. Doch nicht nur auf künstlerisch-visueller Ebene vermochte es Van Gogh zu begeistern – auch auf literarischer Ebene bewies der Künstler einiges an Geschick. Seine rund 819 geschriebenen Briefe lassen sich demzufolge mit Fug und Recht als zweites Vermächtnis und als eine weitere Säule seines Könnens bezeichnen. Etwa 90 Prozent des noch erhaltenen Briefkorpus befinden sich heute im Übrigen im Amsterdamer Van Gogh Museum.

Im 19. Jahrhundert stellte das Schreiben von Briefen ein gängiges Medium dar, um mit Freunden und der Familie in Kontakt zu bleiben. Van Goghs Leben lässt sich durch viele Umzüge und Umbrüche kennzeichnen. Er lebte in Paris, London oder Amsterdam. Ruhe und Seelenfrieden fand er nirgends. Das Schreiben stellte für ihn nicht nur ein Kommunikationsmittel dar, vielmehr nutzte er es auch dafür, seine Umgebung literarisch zu reflektieren und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Van Goghs Briefe lassen sich demzufolge als innere Monologe bezeichnen. Sie sind eine literarische Auseinandersetzung mit Erlebnissen, Rückschlägen und Anstrengungen des Lebens.

Wichtig hervorzuheben ist an dieser Stelle jedoch, auch wenn dies nahe liegt, seine Briefe nicht als bloße Tagebucheinträge oder als ein Selbstporträt zu lesen. Genauso wie in seinen Bildern, verfolgte van Gogh auch hier eine gezielte Wirkung, die stets mitschwingt. Nichtsdestotrotz lassen sich die Briefe an vielen Stellen, nicht nur als Kommentar zu seinen Bildern lesen, sie erlauben auch bei genauerer Betrachtung Rückschlüsse auf den Mann hinter der Kunst. Zwar erwähnt der Künstler von seinen insgesamt etwa 2000 existierenden Bildern in seinen Briefen lediglich 600. Besonders interessant ist trotz dessen, dass die Briefe mitunter nicht nur Rückschlüsse auf die Gedankenwelt des Künstlers zulassen, vielmehr bieten sie auch, wie bereits angedeutet, Auskunft über die Entwicklung und Bedeutung bspw. hinsichtlich der Symboliken der einzelnen Kunstwerke.

Besonders macht Van Goghs Briefe darüber hinaus auch der Umstand, dass er dazu in der Lage war, literarische und künstlerische Ideen auf den Punkt zu formulieren. Van Goghs Schilderungen wirken dabei stringent, klar und mitnichten wirr – im Sinne des ihm oftmals nahegelegten Images, des geistesgestörten Genies, das trotz der Unzurechnungsfähigkeit große Kunstwerke erschaffen konnte. Sowohl in seinen Werken als auch in seinen Briefen zeigen sich demzufolge eine innere Geschlossenheit, bewusste Überlegungen (bspw. angesichts der Farbgebung) und ein allgemeines rational klares Denken. So ist bspw. die richtige Wahl der Farben ein Diskussionsthema in seinen Briefen, welches er immer wieder aufgreift.

Sein berühmtes Bild Die Kartoffelesser (1885) betreffend, schreibt er, die Gesichter und Hände der Bauern einer „staubigen Kartoffel, ungeschält natürlich“ (499) nachempfunden zu haben. Van Gogh ging es folglich auch und insbesondere um Authentizität seiner Bilder. Er wollte in diesem Zusammenhang vor allem die tiefere Wahrheit des Lebens in seinen Bildern einfangen, was letztlich auch ihren Reiz erklärt. Seine Briefe dienen hierbei als zusätzliche Erklärung einiger seiner Werke und werden somit zu einem wesentlichen Teilbestand des Vermächtnisses des Künstlers, welches des Weiteren gleichfalls deutlich belegt, dass van Gogh weitaus mehr war, als die vielfältigen Geschichten um seine Person zunächst vermuten lassen.

4. Der Geisteskranke: Täter oder Opfer?

Am 1. Mai 1888 mietete van Gogh schließlich den Ostflügel des Gelben Hauses am Place Lamartine 2 an. Er hatte sich hier in Südfrankreich ein eigenes Atelier geschaffen – „für die gesamte Dauer meiner Kampagne hier im Süden“ (602), wie er in einem seiner Briefe vermerkte. Einige Monate später, im September desselben Jahres, zog van Gogh daraufhin auch zum Leben in das Gelbe Haus, wo er am 23. Oktober ebenfalls seinen Künstlerfreund Paul Gaugin in Empfang nahm. Ihre erste gemeinsame Exkursion führte die beiden Männer auf die weiten Felder von Lau Crau. Voller Eifer machte van Gogh sich hier ans Werk und fertigte alsbald zwei Gemälde an: Sämann und Alte Eibe. Beide Künstler verstanden sich gut und spornten sich gegenseitig an. Van Gogh schien es dabei kaum erwarten zu können, neue Projekte in Angriff zu nehmen und sein Themenspektrum zu erweitern. An Theo schrieb er enthusiastisch: „Ich schreibe in aller Eile, wir haben einen Haufen Arbeit. Wir haben, er und ich, die Absicht, recht häufig Bordelle aufzusuchen“. Hastig setzte er noch nach: „ (…) nur zum Schauen, um sie zu studieren.“

Trotz aller anfänglichen Harmonie kam es am 23. Dezember 1888 dennoch zum Bruch zwischen den beiden Freigeistern und letztlich zum entscheidenden Eklat, der in die Geschichte eingehen sollte: Überarbeitet und mit Absinth betrunken gerieten Van Gogh und Gaugin aneinander. Van Gogh und Gaugin waren beide der Kunst verschrieben und unterschieden sich dennoch vollkommen. Arbeitete der eine Künstler lieber im Freien, zog der Andere das Atelier vor. Ruhe und Abgeschiedenheit auf der einen Seite begegnete dem Wunsch nach Aktionismus. Es ergab sich eine Konstellation zweier Menschen, die fatal sein sollte.   

Was nun in besagter Nacht, in der Van Gogh sein Ohr verlieren sollte, wirklich geschah, ist selbst heute noch ein beliebter Diskussionsgegenstand innerhalb der Forschung. Gaugin schreibt in seinen Memoiren dazu, dass van Gogh ihn, ein Rasiermesser in der Hand, nachts verfolgte und beinahe angegriffen hätte. Nur Gaugins Blick hätte den einstigen Freund letztlich vom Angriff abhalten können. Laut Gaugins Beschreibungen floh van Gogh anschließend und schnitt sich im Wahn das Ohr ab.

Doch was sagen weitere Quellen zu dem Vorfall? Die Lokalzeitung „Le Forum Républicain“ berichtete diesbezüglich lediglich in einer kurzen Notiz von einem Zwischenfall, „der nur die Tat eines armen Geisteskranken sein konnte“. Van Gogh soll demnach tief in der Nacht, nachdem er das Ohr oder vielmehr einen Teil dessen – selbst dies ist nach wie vor umstritten –  abgeschnitten habe, ein Bordell aufgesucht haben, um es anschließend einer Prostituierten zu überreichen. Die Autoren Rita Wildeganz und Hans Kaufmann, um eine weitere Theorie rund um die Täterschaft anzuführen, gehen von einem gänzlich anderen Tatablauf aus. In dem Buch „Van Goghs Ohr. Paul Gaugin und der Pakt des Schweigens“ rücken die Autoren hierbei den Maler Gaugin selbst in das Blickfeld und identifizieren ihn als eigentlichen Täter, der sich im Streit durch van Gogh provoziert fühlte und letztlich zur Waffe griff, um anschließend übereilt abzureisen.

Ob nun van Gogh sich selbst das Ohr in Folge geistiger Verwirrung abschnitt oder Gaugin zur Waffe griff, bleibt wohl vorerst noch im Dunklen der Geschichte. Fest steht dennoch, dass sich der Geisteszustand des Malers immer weiter verschlechterte. Die Ärzte gingen davon aus, dass van Gogh unter einer Form der Epilepsie litt – eine Art Kurzschluss im Hirn bei dem es zu Krampfanfällen kommt. Sicherlich gesellten sich dazu auch Symptome einer Depression, nichtsdestotrotz rückt diese Diagnose van Gogh wenigstens etwas aus der Opferrolle des vollkommen Geisteskranken.

Die Anfälle unter denen van Gogh immer häufiger litt, führen dazu, dass er sich  in eine Heilanstalt in Saint-Remy-De-Provence einweisen ließ. Ein ganzes Jahr sollte er dort bleiben. Das Malen half ihm dabei, mit der Situation besser umgehen zu können. Er arbeitete, solange wie er keine weiteren Anfälle hatte, viel in der Natur. Unter anderem entstanden während seines Aufenthaltes die berühmten Zypressenbilder. Etwa 150 sollte van Gogh dort anfertigen, bevor er etwa 19 Monate nach der Tat in ein Kornfeld ging und eine fatale Entscheidung treffen sollte.

5. Das Kunstgenie: Van Gogh gestern und heute

„Denn ich glaube fast, dass diese Bilder Euch sagen werden, was ich mit Worten nicht sagen kann …“ (Van Gogh, Brief 898 ca. 1890)

Im Januar 1890 stellte van Gogh einige seiner Bilder in Brüssel aus. Es folgte daraufhin eine erste begeisterte Kritik im „Mercure de France“. Noch dazu verkaufte sein Bruder Theo eines seiner Bilder (Roter Weinberg) für 400 Francs an eine gewisse Anne Boch. Ein Anfall wechselt sich mit weiteren Ausstellungen ab. Van Gogh schien gebrochen. Noch dazu steckte sein Bruder, der ihn immer finanziell unterstützt hatte, in einer beruflichen Krise. Am 23. Juni 1890 schrieb van Gogh seinen letzten Brief: „Meine eigene Arbeit, nun ja, ich setze mein Leben dabei aufs Spiel  und mein Verstand ist dabei auf die Hälfte zusammengeschmolzen“, notierte er eilig auf das Papier, bevor er auf ein Feld ging und sich in die Brust schoss. Zwei Tage später starb van Gogh im Beisein seines Bruders in Auvers-sur-Oise (Frankreich), wo er zuletzt lebte.  

Vincent van Gogh war vieles in seinem kurzen Leben gewesen: In den Augen seiner Eltern war er der Sohn, der niemals seinen Weg im Leben zu finden schien. In den Augen der Öffentlichkeit war er ein Sonderling und ein Eigenbrötler, ein Verrückter, der in Abgeschiedenheit Bilder malte und sich schließlich im Wahn das Ohr abschnitt. Vor allem war van Gogh jedoch eines: Er war ein Mensch, der ruhelos und getrieben von Einsamkeit, versuchte seinen Platz im Leben zu finden – als Hilfslehrer,  Kunsthändler, Prediger, Künstler, Autor und als Privatperson Vincent van Gogh.  

Angesichts der Biographie von van Gogh und seinen Bemühungen ist es in Folge dessen zu kurz gegriffen, ihn in Verbindung mit seinem abgeschnittenen Ohr zu bringen und/oder ihn als unberechenbaren Geisteskranken zu verunglimpfen. Van Gogh hatte zweifelsohne – ggf. als Begleitsymptome seiner Epilepsie – mit vielfältigen psychischen Leiden zu kämpfen. Dennoch zeigen seine Briefe auch einen Mann, der zur Reflexion auf einem hohen Niveau in der Lage war. Eines seiner großen Talente war es, selbst das Alltägliche mit Emotionen zu schmücken. Sicherlich steht dies auch im Zusammenhang mit seinem bewegten Leben und den vielen Tiefschlägen und Extremsituationen, denen er begegnete.

Seine Bilder bewegen darüber hinaus (noch heute) eine Masse von Betrachtern und finden großen Anklang – innerhalb und auch außerhalb der Kunstszene. Warum? Ganz einfach: Weil van Gogh mit seinen Bildern das auszudrückte, was selbst Worte nicht sagen können. Auf diese Weise, selbst so viele Jahre nach seinem Tod, schafft van Gogh es, seine Betrachter abzuholen und sie mit seinen Motiven anzusprechen – was letztlich wiederrum beweist, dass van Gogh weitaus mehr ist, als der Maler, der sich das Ohr abschnitt.

Literatur und Auswahlbibliographie