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Von „Dämonen und Neuronen“: Eine kurze Geschichte der Psychiatrie

Schon in der Antike und Mittelalter finden sich im Umfeld der Viersäftelehre erste Ansätze, Geisteskrankheiten zu erklären und zu behandeln. Die Ursprünge der neuzeitlichen Psychiatrie-Geschichte sind eng mit Philippe Pinel, dem Mitbegründers der französischen Psychiatrietradition des „traitement moral“ verbunden. Das wohl dunkelste Kapitel der Psychiatrie findet sich in der negativen Eugenik der NS-Zeit mit ihren Massenmorden an geistig Behinderten. Erst die moderne Nachkriegs-Psychiatrie ging mit dem Einsatz Psychopharmaka neue Wege in der Heilung geistiger Krankheiten. Dieser Behandlungsansatz brachte allerdings nicht nur neue Erfolge mit sich, sondern fand in der Antipsychatrie auch seine Gegenbewegung.


Erste systematische Ansätze: Die Viersäftelehre

Schon in der Antike und auch im Mittelalter gab es dabei Ansätze, um Geisteskrankheiten zu erklären und zu behandeln. Ein Beispiel hierfür ist die schon im Altertum entwickelte Humoralpathologie, die Viersäftelehre, die vor allem im Spätmittelalter sehr populär war. Die Viersäftelehre besagt, dass ein Ungleichgewicht der Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) zu verschiedenen Krankheiten führt. Ein Zuviel an schwarzer Galle etwa bedingt nach dieser Lehre Melancholie. Heilmittel dagegen waren Aderlässe, Schröpfen, Diäten und die Anwendung von pflanzlichen Wirkstoffen. Obwohl diese Vorstellung heute befremdlich anmutet, so handelte es sich bei der Viersäftelehre doch um einen der ersten Versuche, sich den Themen „Krankheit“ und insbesondere „psychische Krankheit“ systematisch zu nähern, indem man sich von der Annahme, seelische Beeinträchtigungen seien eine Strafe der Götter, allmählich löste.

Obwohl also durchaus bereits Behandlungsansätze entwickelt worden waren, interpretierte man aber vor allem im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit im christlichen Abendland Geisteskrankheiten als Ausdruck des Wirkens dämonischer Mächte oder als Strafe Gottes für begangene Sünden. Eine Konsequenz dieser Anschauung war, dass viele psychisch Kranke im Rahmen des Wütens der Inquisition während der Hexenprozesse in der Frühen Neuzeit verfolgt, gefoltert und verbrannt wurden. Zahlreiche andere wurden zwar nicht getötet, aber aus den Dorfgemeinschaften ausgegrenzt und ausgestoßen. nach oben ↑

Das Zeitalter der Aufklärung: „Die Befreiung der Irren von den Ketten“

Gemälde von Charles Louis Lucien Müller: In der Lobby des Académie Nationale de Médecine, Paris befreit Pinel die Kranken aus der Bicêtre
Die „Befreiung der Irren von ihren Ketten“ – hier symbolisch in einem Gemälde von Ch. L. Müller dargestellt – ist einer der Mythen der Aufklärung.| Lizenz: GNU 2.0

Will man die Ursprünge der neuzeitlichen Geschichte der Psychiatrie zurückverfolgen, stößt man unweigerlich auf den legendären Namen Philippe Pinel: Das Bild des Mitbegründers der modernen französischen Psychiatrietradition des „traitement moral“ (Behandlung mit Moral) ist untrennbar mit dem der „Befreiung der Irren von den Ketten“ verbunden. Tatsächlich läuteten die Französische Revolution und das Zeitalter der Aufklärung eine neue Epoche im Verständnis und in der Behandlung psychischer Krankheiten ein und lösten spätmittelalterliche Vorstellungen von Besessenheit und Sündhaftigkeit als Ursachen seelischer Auffälligkeiten weitgehend ab.
Pinel (1745-1826) war unter anderem ärztlicher Direktor am berühmt-berüchtigten „Hôpital de la Salpêtrière“ in Paris, der wohl bekanntesten psychiatrischen Anstalt Europas im ausgehenden Ancien Régime. Sein Verdienst ist die Mitbegründung der modernen psychiatrischen Diagnostik, indem er postulierte, dass auch psychische Erkrankungen einer analytischen, d.h. systematischen Untersuchung und Methodik bedürfen und nicht mit christlich-religiösem Sündenverständnis verwechselt werden dürfen. nach oben ↑

„Heilanstalten“ und menschenverachtende Zustände

Ein Drehstuhl (um 1828) zur Behandlung geistiger Erkrankungen: „Heilung“ per Schocktherapie.

Seit dem 18. Jahrhundert entstanden in Europa weitflächig psychiatrische Anstalten, doch trotz erster Ansätze einer humaneren Psychiatrie im Geiste der Aufklärung blieben die Zustände in diesen Einrichtungen bis in die neueste Zeit hinein zum großen Teil menschenverachtend. So lautete ein „Therapiekonzept“ man müsse die erkrankte Seele durch physische Gewalt erschüttern, um eine Heilung herbeizuführen: Zum Einsatz kamen deswegen Peitschen, Stöcke, Fixierbetten oder der berüchtigte Drehstuhl, wobei der Patient darauf so lange gedreht wurde, bis er ohnmächtig wurde oder ihm das Blut aus Mund und Nase schoss. Andere Methoden waren das Eintauchen in eiskaltes Wasser, Dauerbäder, die Verabreichung von Brech- und Abführmitteln, das Auspeitschen mit Brennnesseln oder der Einsatz von Strom („Elektroschocks“). Besonders die Behandlung von an Schizophrenie erkrankten Patienten gehört zu den dunkelsten und traurigsten Kapiteln in der Geschichte der Psychiatrie. In der Regel wurden Geisteskranke zusammen mit Straftätern, Prostituierten, Alkoholikern etc. in Anstalten zusammengepfercht, wo sie meist für den Rest ihres Lebens vor sich hinvegetierten.

Ein Drehstuhl (um 1828): Eine der Schock-Methoden bestand darin, Patienten solange zu drehen, bis sie bewusstlos wurden oder ihnen Blut aus Mund und Nase schoss. Durch diese physischen „Erschütterungen“ hoffte man, erkrankte Seelen zu heilen. nach oben ↑

Die Moderne: Psychiatrie als akademische Wissenschaft

Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Psychiatrie dennoch als akademische Wissenschaft etabliert. Aus diesem Grunde geht die Gründung zahlreicher psychiatrischer Einrichtungen auf die vorletzte Jahrhundertwende zurück, was an der Architektur vieler dieser Gebäude ersichtlich ist. Vielfach wird konstatiert, dass das Erscheinen des Lehrbuchs des deutschen Psychiaters Emil Kraepelin (1883-1969) „Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studirende und Aerzte“ (Erscheinungsjahr der 6. Auflage: 1899) als Beginn der Epoche der klassischen deutschen Psychiatrie zu sehen ist. Kraepelin bildete die Grundlagen des noch heute gültigen Systems der Einteilung psychischer Störungen und nahm insbesondere die Zweiteilung der Psychosen vor, indem er sogenanntes „manisch-depressives Irresein“ (bipolare Erkrankung mit einem Wechsel aus Hochstimmung und Depression) von der „Dementia praecox“ (vorzeitige Verblödung als Synonym für Schizophrenie) unterschied. Psychosen sind Krankheitsbilder, die vor allem mit Realitätsverlust und Wahnideen in Verbindung gebracht werden. Kraepelin war einer der Verfechter der Theorie, dass Wahnerleben in einer gestörten Gehirnfunktion begründet sein muss, eine Annahme, die bis heute aktuell ist. Zudem beschäftigte er sich intensiv mit der aufkommenden Erblehre, wonach die Ursachen für psychische Krankheiten in den Genen zu suchen sind. Zeitgleich experimentierte er mit Tee, Alkohol und Morphin, um seelische Zustände mithilfe von Substanzen zu beeinflussen.

Der Begriff der „Dementia praecox“ wurde später durch den Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857-1939) durch den der „Schizophrenie“ ersetzt. Bleuler prägte auch zahlreiche andere Begriffe der Psychiatrie wie Tiefenpsychologie, Autismus oder Ambivalenz und führte die Psychoanalyse nach Sigmund Freud in die Psychiatrie ein. Das vermehrte Interesse an der Psychiatrie als Wissenschaft ist sicherlich auch auf die Theorien des österreichischen Neurologen und Tiefenpsychologen Sigmund Freud (1856-1939) zurückzuführen. nach oben ↑

Die Zeit des Nationalsozialismus: Eugenik und Euthanasie

Abbildung der Gaskammer im KZ Bernburg für psychisch Kranke
Gaskammer in der Tötungsanstalt Bernburg an der Saale (Sachsen-Anhalt). Im Rahmen der Aktion T4 (Krankenmorde) wurden hier zwischen 1940 und 1943 9.835 psychisch Kranke und Behinderte sowie etwa 5.000 Häftlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern ermordet.

Im Zuge der aufkommenden Erblehre erfreute sich seit Ende des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Ländern die Eugenik-Bewegung zunehmender Popularität. Eugenik ist ein Begriff, der Strategien umfasst, um das menschliche Erbgut zu „verbessern“. Demnach gibt es Erbanlangen, die förderungswürdig und erwünscht sind. Im Gegenzug sollte verhindert werden, dass sich Menschen vermehren, deren Erbanlagen als negativ bewertet werden. Letzteres betraf vor allem Individuen mit körperlichen und geistigen Behinderungen sowie psychisch Kranke. Vorläufer dieses Gedankenguts finden sich bereits bei Charles Darwin (1809-1882, „struggle vor life“, Kampf ums Dasein) und Herbert Spencer (1820-1930), der den Begriff „Survival of the fittest“ (Überleben der Stärksten) prägte. Erste eugenische Ansätze wurden jedoch bereits in der Antike diskutiert. Obwohl die Eugenik-Bewegung auch in anderen Ländern zu menschenunwürdigen Maßnahmen führte (zum Beispiel Zwangssterilisationen), ging dieser sozialdarwinistische Ansatz mit der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“ im Dritten Reich eine besonders unheilvolle Allianz ein. Systematisch wurden mehrere hunderttausend Menschen mit Behinderungen oder psychischen Krankheiten sowie Alkoholkranke Opfer der Maßnahmen zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Berüchtigt sind hierbei die „Aktion T4“ und die Kinder-Euthanasie. In den Konzentrationslagern wurden außerdem Menschenversuche an psychisch Kranken und geistig oder körperlich Behinderten durchgeführt.

Nicht direkt in Verbindung mit dem Nationalsozialismus steht die Methode der „Lobotomie“, die aber zeitgleich angewandt wurde. Es handelte sich hierbei um eine Operationstechnik am Gehirn, wobei Nervenbahnen zwischen Frontallappen, der grauen Hirnsubstanz und Thalamus durchtrennt wurden. Diese Methode wurde 1936 erstmals eingesetzt, um schwer psychisch Kranke ruhig zu stellen, da infolge der Operation eine Persönlichkeitsveränderung mit infantilen Zügen und bleibenden Behinderungen eintrat. Die Betroffenen waren somit im Umgang pflegeleichter und angenehmer für das Personal. Die Begründer dieser Methode waren der portugiesische Neurologe und Politiker Antớnio Egas Moniz sowie der italienische Psychiater Mario Fiamberti. Moniz bekam dafür 1949 den Nobelpreis für Medizin verliehen. Bis 1955 wurde die Lobotomie vor allem im anglo-amerikanischen Raum durchgeführt. nach oben ↑

Die Zeit nach 1945: Entwicklung der ersten Psychopharmaka

Die Zeit nach dem Nationalsozialismus stellte einen fundamentalen Bruch in der Geschichte der Psychiatrie dar. Nicht nur brach man mit der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“, sondern mit der Entdeckung des Chlorpromazins 1952 wurde auch der Grundstein für die psychiatrische Pharmakotherapie gelegt. Es handelte sich hierbei um das erste Antipsychotikum, ein Mittel gegen Schizophrenie. 1957 folgte mit Imipramin das erste Antidepressivum. Diese beiden Medikamente sollten zu Prototypen für zahlreiche Nachfolgeprodukte werden und galten als großer Durchbruch in der modernen Psychiatrie. Ab Beginn der 1960er Jahre kam zusätzlich die Gruppe der Benzodiazepine auf den Markt, wobei es sich hierbei um Beruhigungsmittel handelt, die zunächst ebenfalls als Wundermittel gehandelt wurden. Viele Betroffene lehnten die Behandlung mit Medikamenten jedoch ab, da sie zu ernsten Dauerschäden und Beeinträchtigungen wie irreversiblen motorischen Störungen führen können. Man sprach von „chemischen Zwangsjacken“, da diese ersten Mittel Patienten in erster Linie ruhig stellten. Dennoch hat die Psychopharmakologie seitdem ihren Siegeszug angetreten. Sie löste zwar brachiale Methoden wie die Lobotomie ab, brachte jedoch ganz neue Probleme mit sich.

Zudem suchte man seit Ausgang des Zweiten Weltkrieges die Kriterien für die Erfassung psychischer Störungen weltweit zu standardisieren. Maßgeblich bis heute ist der „International Code of Deseases“ (ICD), der seit seiner sechsten Ausgabe von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben wird. Seit der sechsten Version von 1948 enthält der ICD ein eigenes Kapitel über psychische Störungen. Inzwischen wurde im Jahre 2016 das ICD-10 veröffentlicht. Ein zweiter wichtiger Kriterienkatalog ist das „Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders“ (DSM) der „American Psychiatric Association, das seit 1952 in den USA herausgegeben wird. Aktuell ist das DSM-V von 2013 verbindlich. Kritiker führen an, dass die Voraussetzungen für die Diagnose einer psychischen Störung laut ICD und DSM immer weiter gefasst werden und somit immer größere Teile der Bevölkerung pathologisiert werden. Die beiden Standardwerke sind somit nicht unumstritten, zumal die offizielle Aufnahme von psychischen Störungen in die beiden Kataloge per Akklamation (per Handzeichen) durch die anwesenden Mitglieder erfolgt. nach oben ↑

Die Gegenbewegung der „Antipsychiatrie“

Zwischen 1955 und 1975 formierte sich eine mehr oder weniger heterogene soziale Bewegung, die sich gegen die akademische Psychiatrie richtete und eine sehr kritische bis ablehnende Position gegenüber Krankheitsdiagnosen, psychiatrischen Einrichtungen, Zwangsmaßnahmen und Medikation einnahm. Die Kritik richtete sich auch gegen die immer noch überwiegend desolaten Zustände in den psychiatrischen Institutionen als reinen Verwahranstalten und das ungleiche Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Außerdem warf die Antipsychiatrie die Frage auf, inwiefern die Klassifizierungen psychischer Krankheiten und der Umgang mit ihnen gesellschaftlich bedingt sind. Besonders befasste man sich dabei mit der Schizophrenie, die als ein gesellschaftliches Konstrukt verworfen wurde. Zudem forderte die Antipsychiatrie, die Geschichte der Psychiatrie während des Nationalsozialismus aufzuarbeiten, Betroffene zu rehabilitieren und Überlebende zu entschädigen.

Schwarzweisß-Foto von Michael Foucault, gestikulierend bei Vortrag
Der französische Soziologe und Philosoph Michel Foucault war ein wichtiger Vordenker der Antipsychiatrie, zählt aber nicht im engeren Sinne zu dieser dazu. 1961 erschien sein Standardwerk „Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“.

Als wichtigste Vertreter dieser Strömung gelten der südafrikanische Psychiater David Cooper, der britische Psychiater Ronald D. Laing und der US-amerikanische Psychiater Thomas Szasz. Relevante Impulse bekam die Bewegung unter anderem durch den französischen Soziologen und Philosophen Michel Foucault (1926-1984). Foucault, der selbst eine Zeitlang als Psychiater praktizierte, formulierte in seinem 1961 erschienen Werk „Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ vielerlei theoretisch-kritische Fragen: Inwiefern sind medizinische Definitionen von psychischen Krankheiten zulässig? Sind Diagnosen nicht ein Ergebnis politischer, sozialer und juristischer Prozesse, historisch bedingt und verändern sich im Laufe der Zeit? Die Klassifizierung/Stigmatisierung von Menschen als „psychisch krank“ und die daraus abgeleitete Umgangsweise mit ihnen sah Foucault in Machtstrukturen begründet, die auf die Ausgrenzung und Verdrängung dieser Menschen abzielen. Die Psychiatrie diene lediglich der wissenschaftlichen Legitimation dieser Ausgrenzung und sei letztendlich ein Instrument zur Disziplinierung unliebsamer Individuen, so der Soziologe. Schließlich sei mittlerweile auch die psychiatrische Diagnose „Homosexualität“ aus den Lehrbüchern verschwunden.

Auftrieb bekam die Antipsychiatrie ebenfalls durch die 68er-Bewegung, die unter anderem am bestehenden psychiatrischen System massive Kritik äußerte. Ein ganzer Komplex von Forderungen schlug sich schließlich 1975 im Bericht einer Psychiatrie-Enquête-Kommission nieder, die gravierende Missstände in den deutschen Einrichtungen feststellte und letztendlich zur deutschen Psychiatriereform führte mit dem Ziel, die Situation von Patienten zu verbessern. In der Folge gelang es, die Bettenzahl in den Schlafsälen der Psychiatrien zu verringern, die personelle Ausstattung zu verbessern, ambulante Dienste wie den Sozialpsychiatrischen Dienst auszubauen, betreute Wohnmöglichkeiten zu schaffen, statt Langzeitpatienten auf Dauer lediglich zu „verwahren“, die stationäre Versorgung zu regionalisieren und die Dauer der stationären Aufenthalte zu verkürzen. Die Kernanliegen jedoch – das Konzept psychischer Krankheiten generell zu hinterfragen und die Psychiatrie als System umzugestalten – wurden nicht umgesetzt. nach oben ↑

Die postmoderne Psychiatrie ab den 1990er Jahren

Die 1990er-Jahren waren in der Psychiatrie von einer Reihe von neuen, sogenannten atypischen Neuroleptika (neuen Antipsychotika) geprägt, die nebenwirkungsärmer und effektiver sein sollten als die alten Medikamente und wie schon die ersten Psychopharmaka in der Fachwelt als Durchbruch gefeiert wurden. Wirkstoffe wie Risperidon, Amisulprid und Quetiapin kamen auf den Markt und wurden von den Pharmaherstellern intensiv beworben. Etwa zeitglich erfolgte die Markteinführung der SSRI, einer Gruppe von Antidepressiva, die ebenfalls als verträglicher und wirkungsvoller angesehen wurden als die Vorläufer-Modelle.

Aufnahme der Soteria Station Isar Amper Klink Muenchen mit Pflanzen und freundlicher Atmosphäre Inzwischen steht eine ganze Bandbreite von verschiedenen Psychopharmaka zur Verfügung. Die aktuelle pharmazeutische Forschung konzentriert sich dabei auf die Theorie vom chemischen Ungleichgewicht von Neurotransmittern (Botenstoffen) im Gehirn, wodurch eine Fehlkommunikation zwischen den Neuronen psychische Probleme verursachen soll. Jedoch stellt sich dieses Modell mehr und mehr als unzureichend heraus. Inzwischen ist bekannt, dass Psychopharmaka zwar den Leidensdruck vieler Patienten verringern können, jedoch weitaus nicht bei jedem. Sie „heilen“ auch keine Krankheiten, sondern unterdrücken lediglich Symptome.

Einst als großer Erfolg gefeiert, weiß man inzwischen: Psychopharmaka sind nicht so wirksam, wie ursprünglich angepriesen, hatte doch die Pharmaindustrie versprochen, dass sich im Zuge der neuen Generation von Medikamenten die Psychiatrien leeren würden. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Die Realität ist hingegen komplexer: Mittlerweile begreift man psychische Krankheiten als ein Zusammenspiel aus genetischen, sozialen und psychologischen Faktoren. nach oben ↑

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Literatur und Auswahlbibliographie
  • Matthias Eckoldt, Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist: Woher wir wissen, wie wir fühlen und denken, München 2016
  • Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, Frankfurt a.M. 2016 (26. Auflage).
  • Ernst Klee, Dokumente zur „Euthanasie“, Frankfurt a.M. 2006.
  • Alexander Mitscherlich / Fred Mielke (Hrsg.), Medizin ohne Menschlichkeit – Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. 2017 (19. Auflage).
  • Heinz Schott/Rainer Tölle, Geschichte der Psychiatrie: Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen. 2005.