Sie sind hier: Startseite » Geschichte der Drogen » Geschichte des Tabaks im Europa der frühen Neuzeit und Moderne

Geschichte des Tabaks im Europa der frühen Neuzeit und Moderne

Schild einer österreichischen Tabak Trafik
© Günter Havlena | Pixelio.de

Der Konsum von Tabak war in Europa, im Gegensatz zum Alkohol, bis zur frühen Neuzeit unbekannt. Die Tabakpflanze war ursprünglich auf dem amerikanischen Kontinent beheimatet, wo der Tabakkonsum bei der indianischen Urbevölkerung eine lange spirituell-kultische Tradition besaß. Erst im Zuge der großen Entdeckerfahrten wurde der Tabak im 16. Jahrhundert nach Europa eingeführt. Zunächst waren verschiedene Konsumformen des Tabaks in Europa gebräuchlich. Erst in der Moderne begann sich die Zigarette durchzusetzen. Ein Überblick über die (Konsum-)Geschichte des Tabaks in der frühen Neuzeit und der Moderne.

Einführung des Tabaks nach Europa im 16. Jahrhundert im Zuge der großen Entdeckerfahrten

Bis zum 16. Jahrhundert in der alten Welt gänzlich unbekannt, wurde der Tabak über spanische, holländische, portugiesische und englische Seeleute im 16.Jahrhundert nach Europa eingeführt. Zuerst vollzog sich die Ausbreitung des Tabakkonsums in den nord- und westeuropäischen Ländern, die einen direkten Zugang zur Küste aufweisen. Im Deutschen Reich schließlich war der Tabakkonsum im frühen 17. Jahrhundert angekommen und erfuhr hier, wie auch im Rest Europas, eine rasche Ausbreitung. Spätestens 1750 hatte sich, auch wenn keine genaueren Konsumdaten für Deutschland für die frühe Neuzeit vorliegen, der Tabak als Konsumartikel für breite Kreise der Gesellschaft durchgesetzt.

Für die rasche Ausbreitung sorgte eine Reihe von Gründen: So war Tabak recht günstig in den Beschaffungskosten, vor allem als er schließlich auch in Europa kultiviert wurde. Notfalls konnte man ihn auch mit verschiedenen Zusatzstoffen, wie getrocknetem Laub, strecken. So hatten auch untere soziale Schichten Zugriff auf (minderwertigen) Tabak. In niederen Schichten der Gesellschaft trug auch die Wirkung des Tabaks als Appetitzügler zur raschen Verbreitung des Tabaks bei, was bei den Unterschichten ein wichtiges Konsummotiv darstellte. So war der Tabak im bäuerlichen Stand besonders beliebt, welcher im 18. Jahrhundert noch drei Viertel der Bevölkerung ausmachte. Auch weil Tabak eine relativ einfach anzubauende Pflanze war, die in unterschiedlichen Klimazonen gedieh und gut für die bäuerliche Selbstversorgung geeignet war. Auch die großen Kriege der frühen Neuzeit, wie zum Beispiel der Dreißigjährige Krieg und die Napoleonischen Kriege, trugen ähnlich wie beim Branntwein durch das Beispiel der Soldaten erheblich zur Verbreitung des Tabakrauchens bei. nach oben ↑

Werbung

Verbreitung des Tabaks als Heilmittel

Bild einer blühenden Tabakpflanze auf einem Tabakfeld
Tabak – In der frühen Neuzeit ein geschätztes Heilmittel | Foto: Joachim Müllerchen, Lizenz: GNU 2.5

Ein ebenfalls äußerst bedeutender Umstand, der zum raschen Einzug des Tabaks in die westeuropäische Kultur führte, war die Auffassung führender Mediziner vom Tabak als wirksames Heilmittel. Tabakverbote in der frühen Neuzeit schlossen den Verkauf von Tabakwaren in Apotheken zu Heilzwecken ausdrücklich aus. Die gesundheitsfördernde Wirkung des Tabaks begründeten die Mediziner der frühen Neuzeit aus der damals noch allgemein gültigen Vier-Säfte-Lehre nach Gallen und Hippokrates. Nach dieser, seit der Spätantike geltenden, Vorstellung ergab sich verallgemeinert ausgedrückt die Gesundheit des Menschen durch ein ausgewogenes Verhältnis der Säfte Schleim, Blut und schwarze und gelbe Galle im menschlichen Organismus.

So glaubte man, dass der heiße und trockene Tabakrauch überflüssigen Schleim im Blutkreislauf auszutrocknen vermochte, wodurch allerlei nützliche Folgewirkungen eintreten sollten. So versprach man sich vom Tabakrauchen so unterschiedliche Auswirkungen wie die Stärkung des Herzens oder die Linderung von Menstruationsbeschwerden. In der Bekämpfung der Syphilis meinte man, eine hervorragend geeignete Alternative zu Quecksilbersalben gefunden zu haben. Weiterhin war man von der Bedeutung des Tabaks als Prophylaxe und Heilmittel bei Epidemien überzeugt: Der Tabakrauch, welcher durch das Rauchen in den Körper eingeatmet wird, sollte die schädlichen Stoffe und Unreinheiten, welche durch verdorbene Luft, Wasser und Nahrungsmittel aufgenommen wurden, ausstoßen helfen. Auch schrieb man der Wirkung des Tabaks im Körper die Linderung der Auswirkungen der Schadstoffe zu. Trotzdem stellten Mediziner und Experten schon damals fest: Nur ein maßvoller Konsum konnte gesundheitsfördernd sein. Zu viel Tabak trockne den Körper zu sehr aus und so schlug bei Missbrauch, nach Meinung der „Experten“, die gesunde Wirkung in das Gegenteil um. Trotzdem empfahl man täglichen Gebrauch Angehörigen jeden Alters und Geschlechts. So verwundert es nicht, dass vor allem die europäische Schulmedizin den Tabakkonsum maßgeblich beförderte. nach oben ↑

Formen des Tabakkonsums in der frühen Neuzeit

Pfeifenrauchen-Geschichte
Bis zur Moderne die dominierende Konsumform der Unterschichten: Das Pfeifenrauchen

Schon in seiner ursprünglichen amerikanischen Heimat wurde Tabak auf sehr unterschiedliche Arten konsumiert: So rauchte man Tabak in aus Tabakblättern gedrehte Zigarren und in Pfeifen. Er wurde geschnupft, gekaut und teilweise auch als Saft getrunken. In gewissem Ausmaß übernahmen die Europäer alle Konsumformen außer dem Tabaktrinken. Dabei waren der  Tabakkonsum im Verlaufe der frühen Neuzeit unterschiedlichen Tendenzen, Moden und „Trends“ unterworfen. Zum Beispiel kam in Europa in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Tabakschnupfen stark in Mode. Letztendlich hatten sich bis 1877 im Deutschen Reich die Rauchtabake (Zigarren- und Pfeifentabake) aber mit 89 Prozent Marktanteil durchgesetzt. nach oben ↑

Geschichte des Rauchens – Der Tabakkonsum in der Moderne

Bis zum Ende des Vormärz war das Tabakrauchen in der Pfeife das Merkmal der Arbeiter, der Bauern und der städtischen Unterschichten geblieben. So belegt den hohen Tabakkonsum unter Arbeitern die häufige Darstellung des Pfeifenrauchens in den Arbeiterdarstellungen des 19. Jahrhunderts. Neben dem Branntweinkonsum war das Rauchen eines der wenigen erschwinglichen Genussmittel, welche sich das im Entstehen begriffene Industrieproletariat der Frühindustrialisierung leisten konnte. Für die Oberschichten dagegen begann zunehmend die Zigarre an Bedeutung zu gewinnen: Diese kam Anfang des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum auf.

Die Zigarette, die bald die dominierende Rolle im modernen Raucherleben spielen sollte, fand im lateinamerikanischen und spanischen Raum schon im 18. Jahrhundert Verwendung. In den deutschsprachigen Raum stieß die Zigarette Mitte des 19. Jahrhunderts vor. Aber auch die Zigarette war für Arbeiter, Bauern und die Unterschicht bis ins ausgehende 19. Jahrhundert zu teuer und wurde zunächst als Produkt für die Stadt und städtische Oberschicht gefertigt. nach oben ↑

Der Durchbruch der Zigarette

Bild einer modernen Zigarette mit Filter
Setzte sich erst in der Modern durch: Die Zigarette

Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam die maschinelle Zigaretten-Hochleistungsproduktion von den USA nach Europa. 1888 produzierten leistungsfähige Zigarettenmaschinen bis zu 100.000 Zigaretten am Tag. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Zigarettenindustrie die Zigarettenproduktion perfektioniert und leistungsstarke Maschinen produzierten bis zu 17.000 Stück pro Stunde. Auch konnten die Konsumenten nun – als billige Alternative – ihre Zigarette selbst drehen, was unter der Industriearbeiterschaft sehr beliebt war. Ermöglicht wurde dies durch maschinell erzeugten Schnitttabak und Zigarettenpapier aus der billigen Produktion aus dem Rohstoff Holz, die damals erfunden worden war. Nun war die Zigarette sehr billig geworden, was auch für den maschinell gewonnenen Pfeifen-Tabak galt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts stieg der Verbrauch von Zigaretten sprunghaft an. Verbreitung fand die Zigarette dabei vor allem durch den Ersten Weltkrieg: Unzählige Männer im Kriegsdienst lernten das Zigarettenrauchen an der Front kennen. Die Zigarettenproduktion wurde erheblich ausgedehnt und die Zigarette kriegswichtig zur Erhaltung der Moral. nach oben ↑

Werbung

Tabakkonsum in der Weimarer Republik – Der endgültige Siegeszug der Zigarette

So lag zu Beginn der Weimarer Republik im Deutschen Reich der althergebrachte Konsum von Rauchtabak in der Pfeife im Vergleich zu den Zigaretten noch mit 31 Prozent zu 25,2 Prozent in Front. 1936 aber hatten die Zigaretten mit 35,5 Prozent Verbrauchsanteil die Rauchtabake mit 25 Prozent Marktanteil schon überholt. In der Weimarer Republik setzte sich also der Siegeszug der Zigarette fort, was sich auch in einer Steigerung der absoluten Zahlen von 319 je Einwohner im Jahr 1920 verbrauchten Zigaretten im Vergleich zu 572 je Einwohner im Jahr 1936 verbrauchten Zigaretten ausdrückte. Die Gründe, warum sich die Zigarette in der Moderne so schnell ausbreiten konnte, liegen vor allem darin, dass die Zigarette im Rauchtempo an das allgemein stark beschleunigte Tempo der Moderne (Arbeit, Essen, Reisen) angepasst war. So war die Zigarette am besten mit der neuen Arbeitswelt der Moderne in Einklang zu bringen. Das Rauchen von Pfeife dauerte, schon allein wegen der langen Vorbereitung aller Rauchutensilien, wesentlich länger. Dieser Umstand legte den Grundstein für die Durchsetzung der Zigarette in der Moderne. Der Grund für den Siegeszug der Zigarette war also primär nicht der niedrige Preis, sondern vor allem die Anpassung an die schnelllebigen Verbrauchsgewohnheiten.

Geschichte erleben - Geschichte teilen!
Literatur und Auswahlbibliographie
  • Hess, Henner: Rauchen. Geschichte, Geschäfte, Gefahren. 1987.
  • Menninger, Annerose: Genuss im kulturellen Wandel. Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade in Europa (16. – 19. Jahrhundert). 2008.
  • Sandgruber, Roman: Bittersüße Genüsse. 1995.