Anne Frank – ein Name, der traurige Berühmtheit erlangte.

In der Erinnerung gibt es keine Grenzen; nur im Vergessen liegt eine Kluft, unüberwindlich für eure Stimme und euer Auge

Gibran: Im Garten des Propheten: 2012)

Der Name Anne Frank steht für undenkbares Leiden und den millionenfachen Mord an den Juden durch die Deutschen zur Zeit der Machtausübung des NS-Regimes. In den sieben Vernichtungs- und 1.000 Konzentrationslagern nahmen die Nazis ihren Opfern nicht nur das Leben und ihre Würde, sondern nicht zuletzt auch ihre Identität. Obwohl man in den letzten Jahren und Jahrzehnten unermüdlich versuchte, die Identität der Opfer vollends aufzuschlüsseln, bleiben viele der Ermordeten nach wie vor anonym. Anders ist dies bei Anne Frank, die der Shoah (nationalsozialistischer Völkermord) bis heute ein Gesicht verleiht. Neue Filme, immer wieder neue Ausstellungen und überarbeitete Editionen ihres Tagebuchs. Das Interesse an Anne Frank ist ungebrochen.

Neue Filme, immer wieder neue Ausstellungen und überarbeitete Editionen ihres Tagebuchs: Selbst sieben Jahrzehnte nach dem Tod von Anne Frank in Bergen-Belsen, einem Konzentrationslager zur Judenvernichtung in Deutschland, ist das Interesse an ihrer Person und ihrem Tagebuch ungebrochen. Fast jeder kennt das Mädchen mit den großen braunen Augen und den langen schwarzen Haaren, das mittlerweile als Ikone, als Sinnbild für den Holocaust steht. Doch was ist es, was Anne Frank von einer normalen Tagebuchschreiberin zum Vorbild und zur Ikone werden ließ? Was macht Anne Frank besonders? Und wie lebte das Mädchen, das ein Tagebuch schrieb, welches auch heute noch zu den meistgelesenen Büchern weltweit gehört?

1. Annes erste Jahre in Frankfurt  (1929-1934)

Morgens um halb acht an einem 12. Juni 1929 ertönte ein lauter Schrei. Es war Annelies Marie Frank, die sich so lautstark zu Wort meldete und in den Folgewochen ihrer Mutter die Nerven rauben sollte. Annelies Marie, kurz Anne genannt, hatte eine drei Jahre ältere Schwester Margot, die – zusammen mit dem Rest der Familie – im Marbachweg 307 in Frankfurt wohnte.

Annes Mutter, Edith Frank-Holländer (1900-1945) stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. Ihre Eltern führten einen Familienbetrieb, der mit Schrott, Maschinen und Altmetallen handelte. Die Kindheit von Edith Frank ist zunächst, bis zum Tod ihrer Schwester, unbeschwert. Das junge Mädchen konnte den schweren Schicksalsschlag jedoch überwinden und schloss wenig später die Oberschule ab, um im Familienbetrieb zu arbeiten.

Auf der Verlobungsfeier ihrer Freundin Hortense Rah Schott lernte sie schließlich ihren späteren Ehemann Otto Heinrich Frank (1889-1980) kennen, der nach dem Ersten Weltkrieg in der Bank seiner Eltern arbeitete. Auf einer Ferienreise trafen Edith und Otto abermals aufeinander. Der Funke sprang gleich über und es kam wenig später am 08. Mai 1925 zur standesamtlichen Trauung. Vier Tage vergingen: Am 36. Geburtstag von Otto Frank, folgte schließlich die Trauung in der Aachener Synagoge. Das Ehepaar Frank zog nun in ein Neubaugebiet in Frankfurt. Margot und Anne kommen zu dieser Zeit zur Welt. Für Edith Frank sollen die Jahre in Frankfurt ganz bedeutsam werden. Im Jahr 1937 schrieb sie an ein Nachbarmädchen in Frankfurt:     

„Auch für uns waren die Jahre im Marbachweg mit die schönsten [sic!].“

Exkurs: Das Leben der Juden in Deutschland ab 1933

Die Situation in Deutschland für Juden wurde bereits zu ebenjener Zeit immer bedrohlicher. Das Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 forderte sämtliche Einrichtungen zur „Säuberung“ auf: Lehrer jüdischer Abstammung sowie politische Gegner konnten nun mit sofortiger Wirkung beurlaubt werden. Die jüdischen Schulkinder trennte man im Klassenzimmer von den „arischen“ Mitschülern und setzte sie in eine andere Ecke des Klassenzimmers. Die Nationalsozialisten boykottierten zudem jüdische Ärzte, Freiberufler und Anwälte. „Deutsche! Wehr Euch! Kauft nicht bei Juden!“ stand es nun vielerorts vor jüdischen Geschäften deutlich geschrieben. Wer die Anschläge ignorierte und doch dort einkaufte, wurde in Folge dessen fotografiert. Es folgten in den nächsten Monaten immer mehr antijüdische Erlässe.

Kurt Tucholsky, Thomas Mann oder Heinrich Heine: Die Nazis verbrannten nun öffentlich Werke von jüdischen Autoren oder Andersdenkenden. Unter der bekannten Ballade von Heinrich Heine „Lorelei“ stand jetzt in den Schulbüchern ein „Dichter unbekannt“. „ (…), dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, hatte Heine selbst etwa hundert Jahre zuvor festgestellt. Er sollte mit dieser Aussage recht behalten. Wie wenig Zeit der Familie Frank und vielen weiteren Juden noch blieb, wusste Otto Frank, der Vater von Anne Frank, zu dieser Zeit selbst noch nicht. Dennoch ahnte die Familie, dass ein normales Leben in Deutschland nicht mehr lange möglich wäre. Zu viel war schon geschehen und man befürchtete noch mehr Verbote, Erlässe und Schikanen. Einen Ausweg bot ein neues Leben in Amsterdam.

2. Ein Leben im Exil: Die Familie Frank flüchtet nach Amsterdam (1934)

Es ist das Jahr 1933 in dem Hitler und die nationalsozialistische Partei NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) die Macht in Deutschland ergreifen. „Es ist fast wie ein Traum.“, notiert der Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch. „Die Wihelmstraße [der Sitz der Reichskanzlei, Anm. d. Autorin] gehört uns!“. Noch am Abend des 30. Januar 1933 ziehen Fackelzüge durch die Straßen Berlins. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger sind für Hitler. Viele gehen davon aus, dass er sich nicht lange im Amt halten wird.

Bereits im Februar und im März 1933 hörte man von Terroraktionen gegen Angehörige der Linkspartei, Oppositionelle und vor allem auch gegen Juden. Am 11. März 1933 trat der Oberbürgermeister von Frankfurt Ludwig Landmann – nach Berlin das mitunter größte jüdische Zentrum Deutschlands – zurück. Freiwillig wie man der Öffentlichkeit mitteilte. Fest steht jedoch: Landmann war Jude und die Nazis drohten ihm mit einer Verhaftung, würde er sich nicht ihrem Willen beugen. „Wer sich nicht bekehren lässt, muss gebeugt werden … Todesstrafe für Landes- und Volksverrat.“, kündigte Hitler kurz nach seinem Amtsantritt an. Die Lage spitzte sich immer weiter zu und auch Otto Frank wurde zunehmend unruhig.

Die Familie entschied sich also schließlich dazu, nach Amsterdam zu flüchten. Um auch finanziell versorgt zu sein, übernahm Otto Frank die Geschäftsführung der Opekta Gesellschaft, die Flüssigpektin (Geliermittel für Marmeladen) abfüllte und u.a. in Amsterdam vertrieb. Doch nicht nur die neue berufliche Herausforderung und die damit finanzielle Absicherung führten dazu, dass die Familie Frank nach Amsterdam zog. Die Niederländer galten als liberales und tolerantes Volk. Darüber hinaus war Holland im Ersten Weltkrieg (1914-1918) neutral geblieben. Otto Frank hoffte, dass sich Holland auch zukünftig aus politischen Konflikten heraushalten würde – zugunsten der Sicherheit seiner Familie. Außerdem beherrschte Otto Frank die niederländische Sprache. Dass sich auch die Situation der Juden in den Niederlanden bald ändern sollte, war nicht abzusehen. Also zog Otto Frank noch vor seiner Familie in die Niederlande. Frau und Kinder folgten wenig später.

Exkurs: Das Leben der Juden in Holland (1934 bis 1942)

Bis sich die Familie im Juli 1942 schließlich dazu gezwungen sah, unterzutauchen, reihte sich eine Vielzahl an Ereignissen aneinander. Ein Jahr nach Beginn des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) kam es zum Angriff Deutschlands auf die Niederlande. Die deutschen Soldaten bombardierten Rotterdam und es kam zur holländischen Kapitulation. Deutschland besetzte das Land. Es kam nun zu den ersten diskriminierenden Maßnahmen gegen Juden. U.a. verbot man ihnen seit dem 5. August 1940 das rituelle Schlachten.  Am 22. Und 23. Februar 1941 kam es zu einer großen Razzia in Amsterdam in Folge dessen transportierten die Nazis erstmalig jüdische Niederländer ab. Die Aktion wurde von den Nationalsozialisten als Vergeltungsaktion angesehen, da sich kurz zuvor Straßenkämpfe zwischen Juden, der deutschen Polizei und antisemitischen Gruppierungen ereignet hatten. Im Mai 1941 erstellte die Stadtverwaltung von Amsterdam zudem ein Register über die Wohnsitze der einzelnen Jüdinnen und Juden. Ab April 1941 mussten darüber hinaus alle Niederländer ab dem 15. Lebensjahr einen Personalausweis bei sich tragen. Ausweise von Juden wurden mit einem auffälligen „J“ gestempelt. Ab 1942 musste jeder jüdische Bürger diesen Ausweis bei sich tragen – genauso wie den gelben Stern. Ab dem 3. Mai 1942 zwangen die Nazis die jüdischen Bürger nämlich dazu, einen sechszackigen Davidstern mit der Aufschrift „Jude“ an ihrer Kleidung gut erkennbar zu tragen.

Und was ist mit Anne? Anne scheint zunächst weniger von den schrecklichen Ereignissen aktiv miterlebt zu haben. Selbst von der Verhaftung ihres Onkels Walter, den man anschließend nach Sachsenhausen verschleppte und in einem Flüchtlingslager gefangen hielt, erfährt das junge Mädchen nichts. Anne lebt das Leben eines jungen Mädchens in absoluter Sorglosigkeit. Die Eltern versuchten, ihre Kinder mit der schwierigen politischen Lage nicht zu belasten. Krisengespräche führten sie nur in Abwesenheit von Margot und Anne.

In der Schule ist Anne sehr beliebt und gilt allgemein als fröhliches und vor allem aufgewecktes Kind, das Schwierigkeiten damit hat, im Unterricht still zu sein. Sie liebt es, sich mit ihren Freundinnen zu treffen und entdeckt ihr Interesse für Jungs.

Am 12. Juni 1942 feierte Anne ihren 13. Geburtstag. Sie wachte schon sehr früh auf. Voller Neugierde rannte sie zu dem Gabentisch im Wohnzimmer, den ihre Eltern für sie am Abend zuvor hergerichtet haben. An diesem Tag erhielt Anne auch ihr berühmtes rotkariertes Tagebuch, das sie als eines „von meinen schönsten Geschenken“ bezeichnete. Auf die erste Seite notierte sie wenig später:

„Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein“. 

Anne führte ab diesem Tag regelmäßig bis zum 01. August 1944 Tagebuch. Bis zum Frühjahr im Jahr 1944 schrieb sie die Einträge, die sie als Briefe verfasste, nur für sich. Als Anne jedoch im Radio eine Rede des niederländischen Erziehungsministers im Exil aus London hörte, der die leidende Bevölkerung dazu aufforderte, alles Erlebte während der deutschen Besatzung zu sammeln und schließlich zu veröffentlichen, fasst Anne den Entschluss, ihr Tagebuch der Öffentlichkeit zugänglich machen zu wollen.

3. Ein Leben im Versteck: Das Hinterhaus (1942 bis 1944)  

Angesichts der bedrückenden Lage in den Niederlanden für die jüdische Bevölkerung versuchte die Familie Frank, vor den Nazis zu fliehen. Die Emigrationspläne scheiterten jedoch, da im Juli 1941 das amerikanische Konsulat in den Niederlanden geschlossen wurde. Otto Frank bemühte sich daraufhin um ein Visum für Kuba, was jedoch im Dezember 1941 annulliert wurde. Die Lage schien aussichtslos. Wo sollten sie jetzt noch hin, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Noch dazu erhielt Margot im Juli 1942, zum Erschrecken ihrer Familie, einen Aufruf für ein Arbeitslager in Deutschland. Damit hatte man nicht gerechnet. Es herrschte eine große Unruhe innerhalb der Familie. Die Eltern wollten ihre Tochter unter gar keinen Umständen gehen lassen. Sie wussten aber, dass ihnen bei Verweigerung eine Inhaftierung droht.

Am 16. Juli entstanden schließlich erste Pläne unterzutauchen. Otto Frank richtete im hinteren Bereich seines Firmengebäudes ein Versteck ein: Das Hinterhaus. Im Juli 1942 bezog die Familie ebenjenes  – zusammen mit der Familie van Pels und Fritz Pfeffer, der wenig später dazukam. Er ist Zahnarzt und ein Bekannter der Eltern von Anne. Hermann van Pels wiederrum hatte zusammen mit Otto Frank das Versteck vorbereitet. Er, seine Frau Auguste und sein Sohn Peter zogen mit in das Versteck.

Exkurs: Ein typischer Tag im Hinterhaus

Anne und ihre Familie verbrachten rund 761 Tage in ihrem Versteck. Die Tage waren nicht gleich und doch lässt sich ein bestimmter Tagesrhythmus aus Annes Aufzeichnungen rekonstruieren: Um 6:45 Uhr klingelte der Wecker der Familie van Pels, die sich in den Waschraum begab. Alle weiteren Untergetauchten folgten wenig später nach. Um 8.30 Uhr begann der Arbeitstag der Lagerarbeiter, die nicht wussten, dass sich über ihnen – das Magazin lag nämlich unter dem Versteck – Menschen befanden. Die Familien mussten nun also leise auf Socken über den Boden laufen, um nicht entdeckt zu werden. Alles Lärmerzeugende war verboten und es lag Anspannung in der Luft.

Literatur, Mathematik oder Geographie. Anne, Peter und Margot wollten den Anschluss an die Schule nicht verlieren. Dementsprechend folgten jeden Tag ausgedehnte Lese- und Lerneinheiten. Anne bezeichnet ebenjene als ihre „Tagtotschlagbeschäftigungen“. Außerdem folgten nun ebenfalls Vorbereitungen für die Mittagspause, welche für 12.30 Uhr angesetzt war. Zu dieser Zeit gingen die Lagerarbeiter nämlich nach Hause, um zu essen. Es herrschte allgemeines Aufatmen. Die Untergetauchten hatten nun etwas Zeit für sich. Oft nutzte man die Zeit dafür, Radio zu hören. Jede neue Nachricht erwartete man mit Spannung. Um 13.15 Uhr folgte das Mittagessen, um sich danach einem Mittagsschlaf hinzugeben. Zu dieser Zeit schrieb Anne auch oft in ihr Tagebuch.  

Nach der Kaffezeit um 16 Uhr, begannen die Vorbereitungen für das Abendessen. Um 17.30 Uhr beendeten die Lagerarbeiter ihre Arbeit. Nun musste Anne nicht mehr im Hinterhaus bleiben und konnte durch das ganze Gebäude laufen. Der Abend war gefüllt mit Büroarbeiten. Otto Frank tippte Geschäftsbriefe. Margot und Anne unterstützten ihn bei seiner Arbeit. Auguste van Pels und Edith Frank bereiteten derweil das Abendessen vor. Ab 21 Uhr begannen die Vorbereitungen für die Nacht.   

Als Anne das erste Mal im Hinterhaus in ihr Tagebuch schreibt, notierte sie noch: „Es ist hier überhaupt nicht so schlimm, denn wir können hier selbst kochen und unten in Papis Büro Radio hören.“ Anne wirkt gefasst, fast abgeklärt. Ein Trugschluss, denn das junge Mädchen stand unter Schock und das Leben im Hinterhaus sollte sich als Qual herausstellen. Gerade noch auf den Straßen mit ihren Freundinnen scherzend, musste sie nun jeden Gefühlsausbruch unterdrücken, immer leise sein und konnte das Haus nicht mehr verlassen. Anne begann sich eingesperrt zu fühlen. Sie beschreibt ihre Situation mit einem „Gefühl wie ein Singvogel, dem seine Flügel mit harter Hand ausgerissen worden sind und der in vollkommener Dunkelheit gegen die Stäbe seines engen Käfigs fliegt.“

4. Verrat und Verhaftung der Untergetauchten (1944)

„Ich frage mich immer wieder ob es nicht besser für uns alle gewesen wäre wenn wir nicht untergetaucht wären, wenn wir nun alle tot wären und dieses Elend nicht mitmachten und vor allem den anderen ersparten.“,

schrieb Anne Ende Mai 1944 in ihr Tagebuch. Das junge Mädchen, das einst sorglos mit den Freundinnen klatschte, blickte jetzt einer beklemmenden Realität ins Auge. Zwar ließen sich die Untergetauchten ihre Hoffnung nicht vollends nehmen („wir lieben das Leben noch, wir haben die Stimme der Natur noch nicht vergessen, (…)“) dennoch wussten Anne und die anderen Untergetauchten, dass es schlecht um die jüdische Bevölkerung Hollands stand. Die Angst griff um sich und Anne schrieb noch im Frühjahr 1944 ernüchtert in ihr Tagebuch:

„Die Gestapo geht mit diesen Menschen nicht im Geringsten zart um, sie werden einfach in Viehwagen nach Westerbork, dem großen Judenlager in Drente gebracht. Westerborg [sic!] muss schrecklich sein … wie werden sie dann in den fernen (…) Gebieten leben (…). Wir nehmen an dass die meisten ermordet werden. Der englische Sender spricht von Vergasung; vielleicht ist das noch die schnellste Sterbemethode.“

Annes Zeilen machen deutlich, dass sie sich dem Massenmord, den die Nazis an den Juden begingen, bewusst war. Sie beschreibt nüchtern und klar die Situation. Dennoch zeichnen sich auch immer wieder Phasen der Hoffnung ab. Anne ist stark. Sie wusste, dass nur ein Leben im Hinterhaus, auch sie und ihre Familie vor dem Tod bewahren konnte. Nichtsdestotrotz wusste sie auch, dass der Verrat von versteckten Juden in den Kriegszeiten gut bezahlt wurde: 25 Gulden (etwa 150 Euro) pro ans Messer ausgelieferten Juden zahlte man als Kopfgeld. Mit diesem Wissen lebte Anne tagtäglich. Die Angst doch noch entdeckt zu werden, saß ihr dabei ständig im Nacken.

Warum und vor allem von wem die Familie Frank und die weiteren Untertaucher im Hinterhaus schließlich entdeckt bzw. verraten wurden, ist bis heute unklar. Fest steht, dass am Vormittag des 4. Augusts 1944 Karl Josef Silberbauer, der für das Gestapo-Referat IV B4 (Judenreferat) arbeitete, die Mitarbeiter in der Prinsengracht 263, dem Firmengebäude von Otto Frank, überraschend bei der Arbeit besuchte. Wo die Juden versteckt seien, wollte er wissen. Die acht Untergetauchten wurden entdeckt.

Was nun passierte, war ungewiss. Unmittelbar nach ihrer Verhaftung brachte man sie, ebenso wie ihre Helfer Victor Kugler und Johannes Kleiman, in das SD-Hauptquartier im Süden von Amsterdam. Am Morgen des 8. August transportierte man die jüdischen Familien vom Amsterdamer Hauptbahnhof mit dem Zug nach Westerbork in das „Judendurchgangslager“. Selbst auf dem Weg nach Westerbork schien Anne geradezu gefasst, wie ihr Vater Jahre später berichtete: Sie saß am Fenster und bewunderte bis zu ihrer Ankunft die Natur und die Farben, die sich ihr durch das Fenster darboten.

5. Annes Tod im Konzentrationslager (1944-1945)

Es ist der 6. September. Im letzten Transport von Westerbork nach Auschwitz transportiere man die acht Untergetauchten. Edith, Margot und Anne Frank kamen ins Frauenlager von Auschwitz-Birkenau. Die Zustände dort sind grauenhaft: Mit Hundepeitschen trennte man die Frauen von den Männern. Anschließend folgte eine Inspektion der Körper. Kranke und Schwache wurden direkt selektiert und vergast. Die Identität der Inhaftierten reduzierten die Nazis auf Nummern. Je höher die Zahl desto schwieriger war es zu überleben und so niedriger stand man in der Hierarchie des KZ. Heute ist es nicht mehr rekonstruierbar, welche Nummern man Margot und Anne auf den linken Arm tätowierte.

Anne musste schnell lernen, sich an die erniedrigenden Lebensgewohnheiten im KZ anzupassen. Nur wer seinen Löffel und seinen Essnapf wie einen Schatz bewachte, konnte überleben. Ohne den Napf war es nämlich nicht möglich, die wenige Suppe zu essen, die man im KZ zugesprochen bekam. Wer beim Zählappell in die falsche Richtung schaute, wer Kartoffelschalen stahl um sie zu essen, wer Schwäche zeigte, wurde sofort mit dem Tod bestraft. Wie es Anne im KZ Auschwitz-Birkenau detailliert erging, lässt sich nicht nachverfolgen. Mithäftlinge beschreiben sie jedoch als in sich gekehrt und still. Sie sei mutig und stark gewesen und habe es sogar geschafft mit ihrer aufmunternden und freundlichen Art, ihrer Mutter und Margot eine Extraration Brot zu beschaffen.

Edith Frank-Holländer war, genauso wie ihre Töchter, eine Kämpferin. Sie tauschte sogar ihre Schuhe ein, in der Hoffnung, eine Extraration Nahrung für ihre Töchter zu bekommen. Als ein SS-Mann Margot angriff, so die Berichte von Zeugen, soll die Mutter ebenfalls energisch dazwischen gegangen sein. Wahrscheinlich als Konsequenz folgte die Trennung von der Mutter und ihren Töchtern. Anne und Margot brachte man nun in das KZ Bergen-Belsen. Es ist zu diesem Zeitpunkt etwa Ende Oktober, Anfang November 1944. Am 20. Dezember 1944 starb Edith Frank. Bis zuletzt soll sie Essensrationen für ihre Kinder und ihren Mann gehortet haben. Edith Frank verhungert.

November 1944: Überführung Anne Franks ins KZ Bergen-Belsen

Anne glaubte, dass ihre Eltern tot seien. In Wahrheit war der Häftling B-9174, Otto Frank, am 27. Januar 1945 jedoch aus Auschwitz befreit worden. Er sollte von allen Untergetauchten als Einziger überleben: Herrmann van Pels starb bereits kurz nach der Ankunft in Auschwitz in der Gaskammer. Das Todesdatum seiner Frau ist unbekannt. Auch der Zahnarzt Fritz Pfeffer, der mit im Hinterhaus lebte, starb im KZ Neuengamme im Dezember 1944. Peter van Pels, der Sohn der Familie van Pels, starb nach einem „Evakuierungsmarsch“ im KZ Mauthausen am 5. Mai 1945. Sein Körper hielt den Strapazen nicht mehr Stand.

Auch Annes und Margots Körper waren zunehmend geschwächt. Vor allem die Läuse machten ihnen zu schaffen, welche auch das gefürchtete Fleckfieber (auch Kriegspest) übertrugen. Es ist wahrscheinlich, dass sowohl Margot als auch Anne letztlich durch die Folgen der Krankheit starben. Ende Februar/ Anfang März starben beide Mädchen. Margot stirbt zuerst, dann folgt ihr Anne in den Tod. Nur wenige Woche später, am 15. April 1945, sollten britische Truppen das Lager befreien.

6. Facebook und Instagram: Die Bedeutung der Medialisierung der Anne Frank heute

Selbst nach ihrem Tod, der nun 74 Jahre zurückliegt, ist Anne Frank noch immer allgegenwärtig: Im Schulunterricht, in Filmen, in der Musik, in Theateraufführungen und auch virtuell (bspw. auf Facebook) ist sie vertreten. Vor allem durch ihre virtuelle Existenz auf Social Media Plattformen wie Facebook oder Instagram erhält die Person Anne Frank wie auch ihre Geschichte eine weitere Visualisierung bzw. Bebilderung. Ihr Leben und ihr Leiden werden so noch fassbarer und zugänglicher für die Allgemeinheit und insbesondere auch für jüngere Nutzer. Nach Aleida Assmann lässt sich die virtuelle Existenz der Anne Frank somit sogar als regelrechten „Stabilisator der Erinnerung“ (Assmann, Erinnerungsräume, S. 249) bezeichnen. Mit dem Hashtag #Anne90 zelebrierte das Anne Frank House in Amsterdam erst kürzlich ihren 90. Geburtstag. Auf Instagram kommentierten zahlreiche User, was Anne Frank noch heute für sie bedeutet. Diese Interaktivität auf sozialen Plattformen wie Instagram oder Facebook ist es schließlich, die einen Verbund von Gegenwärtigem mit der Vergangenheit auf eine innovative Weise möglich macht. Denn es ist insbesondere der individuelle Bezug, der wichtig ist und zählt, um gegen das Vergessen erfolgreich anzukämpfen.

Es ist nicht zuletzt auch die Selbstaussage und die Individualität, von der die Texte der Anne Frank als solche leben. Durch die Augen eines 13-Jährigen Mädchens ist es dem Leser möglich, aus der Gegenwart heraus, einen Blick in die ferne Vergangenheit zu werfen. Insbesondere Annes unbekümmerte und dabei doch auch erwachsen-rationale Sichtweise auf die Umstände helfen dabei, die Vorkommnisse zumindest etwas selbst einzuordnen. Es ist nicht zuletzt auch die Selbstaussage und die Individualität, von der die Texte der Anne Frank als solche leben. Durch die Augen eines 13-Jährigen Mädchens ist es dem Leser möglich, aus der Gegenwart heraus, einen Blick in die ferne Vergangenheit zu werfen. Insbesondere Annes unbekümmerte und dabei doch auch erwachsen-rationale Sichtweise auf die Umstände helfen dabei, die Vorkommnisse zumindest etwas selbst einzuordnen.

Die letzte Ruhestädte der Anne Frank

Auch wenn das Leben der Anne Frank nur kurz andauerte: Die Bedeutung ihrer Existenz wirkt noch heute nach – denn Anne Frank ist bis zum heutigen Tag in das kollektive Gedächtnis gleich mehrerer Nachkriegsgenerationen tief eingebrannt. Sie ist eine Ikone des Holocaust –  ihr Gesicht steht für unzählige Opfer und die unsagbaren Schrecken der Judenvernichtung zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Zugleich verbindet man mit ihr auch eine große mentale Stärke. Trotz der bedrückenden Lage ertrug sie alles gefasst und lies sich ihre Hoffnung nicht nehmen. Dementsprechend ist sie nicht nur eine Ikone sondern auch ein Vorbild für zukünftige Generationen, was es noch umso wichtiger macht, ihre Person, ihre Gedanken, Erlebnisse und Eindrücke festzuhalten; und das auf allen möglichen Kanälen. Denn nur so bleibt die Erinnerung an das tapfere Mädchen Anne Frank und den Holocaust auch zukünftig noch im Gedächtnis.

Literatur und Auswahlbibliographie

Anne Frank House, https://www.annefrank.org/de [31.08.2019].

Assmann, Aleida, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, 2006.

Frank, Otto [Hrsg.], Das Tagebuch der Anne Frank, 201523.

Frieden, Kirstin, Meine Freundin, Anne Frank. Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone, in: Seibert, Peter, Piper, Jana, Meoli, Alfonso [Hrsg.], Anne Frank. Mediengeschichten, 2014, S. 117-136.

Müller, Melissa, Das Mädchen Anne Frank. Die Biographie,  20132.

Shandler, Jeffrey, Anne Frank. Von der Tagebuchschreiberin zur Ikone, in: Annefrank.org, https://www.annefrank.org/de/anne-frank/vertiefung/anne-frank-von-der-tagebuchschreiberin-zur-ikone/ [28.08.2019].