Reise in einen ewigen Konfliktherd: Die Kreuzritterburg Beaufort (erbaut vor 1139; besucht August 1971)

Gastbeitrag von Wolfram Lietz, wohnhaft in Banyoles, Katalonien

Die Festung Beaufort im Libanon ist wieder in der Hand des Israelis. Sie ist in den letzten Tagen des Mai 2026 erneut unter heftigen Kämpfen um die Zone südlich des Litani-Flusses erobert worden. Unter den Bewohnern des Libanon hat dieser Verlust Entsetzen und Panik ausgelöst. Nicht nur bei den Libanesen. Es ist ein strategischer Punkt von höchstem Symbolwert auch für die Geschichte des nahezu ewig währenden Schlachtgetümmels des Vorderen Orients. Meine Reiseeeindrücke noch aus den 70er Jahren greifen auf die Genese des aktuellen Libanon-Krieges, aber auch noch viel weiter zurück.

Die Festung Beaufort, fotografiert von Wolfram Lietz im August 1971

Beim Wort „Kreuzritterburg“ denkt man eigentlich nur an Barbarossa, Saladin und Mittelalter. Aber dieser Burg wurde das unglaubliche Schicksal zuteil, dass sie seit ihrer Gründung Jahrhunderte lang – zerstört und immer wieder militärisch nutzbar gemacht – ihre Funktion als Festung und Schießplattform bis in die Gegenwart ausgeübt hat. Sie liegt etwa 650 m hoch über dem Fluss Litani im Südlibanon, im Dreiländereck zwischen Libanon, Israel und Syrien. Als wir zu ihr hinaufgeklettert waren, konnten wir einen hinreißenden Ausblick über weite Teile des Südlibanons und Nordisraels genießen. Die Sonne brannte, aber es war luftig hier oben und angenehm kühl im alten Burgsaal mit großem Fensterdurchbruch und Brüstungen, über die wir uns beugten. Allerdings waren Männer anwesend, die unsere Begeisterung hemmten: schwer bewaffnete Soldaten, libanesische Milizionäre, die uns zur Ruhe aufforderten – so murmelten wir nur noch leise – und sie peilten mit ihren Ferngläsern in die Weite in Richtung Israel und hielten die Maschinengewehre in Bereitschaft (eine Erinnerung an die DDR-Zonengrenze). Es war unwahrscheinlich, dass gerade ein Scharmützel bevorstand; dann hätte man uns nicht hineingelassen. Nein, hier wurde wohl nur eine kleine martialische Show gemacht, vor sehr ernstem Hintergrund. Die Männer haben uns dann ganz ruhig die strategische Lage erklärt: Da drüben sitzen die Israelis und hier oben unsere Leute.

Beaufort („Schöne Festung“) war die einzige größere Kreuzritterburg, die der Eroberungswelle Saladins in den Jahren 1187 bis 1189 standgehalten hat. Sie wurde aber 1190 von den Rittern an Saladin übergeben gegen freien Abzug nach Tyros. Dann folgten noch weitere Jahrhunderte der Burggeschichte: Ein Sultan von Damaskus, Theobald IV. von Champagne, der Ayyubiden-Sultan von Ägypten, der Templerorden, Sultan Baibar I., der libanesische Fürst Fakhr ad-Din II., die Osmanen, die französische Mandatsverwaltung (welche die Burg noch 1920 restaurierte) – sie alle und noch mehr sind hier Eroberer, Verteidiger oder Verwalter gewesen. Seit 1943 war es der unabhängige Staat Libanon.

Das war der Stand der Geschichte, als ich 1971 die Burg besuchte. Aber die Spannung lag noch und schon wieder in der Luft. Denn seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 hielt Israel das Westjordanland und die Golanhöhen besetzt. 175.000 Palästinenser waren geflohen und Israel hatte dort mit dem Bau von Siedlungen begonnen.

Beaufort bis zum Ende

  • 1978 erfolgte ein Terroranschlag der PLO (Palästinensische Befreiungsfront), Israel besetzte Teile des südlichen Libanon bis zum Litanifluss. Es kam zu der Einrichtung einer Sicherheitszone der United Nations Interim Force im Libanon an der Israelisch-Libanesischen Grenze.
  • 1982 Libanonkrieg zwischen der israelischen Armee und verbündeten Milizen (Südlibanesische Armee – SLA) auf der einen sowie Kämpfern der PLO und syrischer Truppen auf der anderen Seite. Israel erobert die strategisch wichtige Burg Beaufort.
  • 2000 Israel zieht sich aus dem Südlibanon zurück. Die Burg wird bei Abzug unter Protest der UNESCO weitgehend gesprengt.

Tyros und Sidon

Waren damals (Aug. 1971) zwei malerische Hafenstädte im Südlibanon, beide Ursprungsorte der Phönizier. In Sidon habe ich auf einer uralten Kaimauer dicht am Fort gestanden und ins Mittelmeer in Richtung Carthago geschaut und meditiert, bis wohin das Reich der Phönizier sich einst ausgebreitet hat, bis es von den Römern total zerstört worden ist. Von der turbulenten Geschichte in der Antike und im Mittelalter zeugen in Tyros ein antikes Ruinenfeld, ein Triumphbogen und eine Gräberstadt. Tyros ist blutig von Alexander dem Großen erobert worden (2000 Gekreuzigte) und unzählige Male mehr.

Hier an der Küste des Nahen Ostens scheint sich die Konflikthaftigkeit der Geschichte zu verdichten und zu intensivieren, und in der Summe kommt heraus, dass Zivilisationsgeschichte immer zugleich sinnlose Blutgeschichte ist. Im Libanonkrieg 1982 (der ja auch ein libanesischer Bürgerkrieg gewesen ist), wurden während der israelischen Invasion fünfzig Prozent der Häuser von Tyros zersört. Auch Sidon wurde erobert und schwer zerstört. Im Jahre 2006 wurde Tyros während des erneuten Libanon-Konfliktes von der israelischen Luftwaffe mehrfach bombardiert.

In der Nähe beider Städte befanden sich zahlreiche palästinensische Flüchtlingslager. Eines davon haben wir besucht, d.h. wir blieben auf Distanz und betrachteten die Baracken und die durch ungepflasterte, schmuddelige Gassen huschenden Personen nur von außen. Das Areal war eingezäunt und bewacht, aber die Menschen waren nicht eigentlich Gefangene. In dem Lager lebten angeblich mehr als 20.000 Menschen (in einem anderen sollen es 70.000 sein). Als wir

1971 dort standen, wohnten die meisten Bewohner, die alle aus Palästina stammten, schon 23 Jahre lang hier und diejenigen, die aus dem 6-Tage-Krieg geflüchtet waren, „erst“ vier Jahre. Ich erinnere mich gut an die Worte unseres Reiseleiters: „Hier brütet sich eine fürchterliche Gewalt aus“. Die Söhne und Enkel kämpfen heute wahrscheinlich in der Hisbollah.

Reflexion

Schon damals meine Selbstreflexion, dass auch ich in den vieziger Jahren solch ein Flüchtling gewesen bin, aber dass mich unverdient dort in Deutschland nach dem Kriegsende das Leben milder behandelt hat. Aber es stimmt, dass auch ich ein solches Kind gewesen bin, das seinen Geburtsort und sein Heim verloren hatte wie die Palästinenser; das mit seiner Mutter in einem Luftschutzkeller gesessen hat wie die Israelis; das in einer zerstörten Stadt aufgewachsen ist wie die Libanesen. Warum eigentlich? Wer hätte was vermeiden müssen? Aber diese Schuldfragen führen in den Nebel langer Vorgeschichten und nützen keinem Kind und überhaupt keinem Opfer. Eine andere Frage ist: Wieviele Menschen müssen das aushalten und ihr eingequetschtes Leben darin zurechtrücken? Diese Frage muß laut genug gestellt werden und lässt sich meistens sogar ziemlich exakt beantworten mit Ziffern und sogar mit Namen. Aber diese Antworten kommen gewöhnlich viel zu leise und werden abgetan wie die Opfer selber. Oder vielleicht nicht immer? In manchen kann man sich selbst erkennen.

Banyoles, Juni 2026