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Die Soziale Marktwirtschaft – Ludwig Erhard und das “Wirtschaftswunder”

Briefmarke mit dem zigarrenrauchenden Ludwig Erhard - 80 Pfennig
Briefmarke mit Ludwig Erhard, Foto von Gerhard Heisler.

Vor dem Hintergrund schwieriger wirtschaftspolitischer Voraussetzungen nach dem Ende des 2. Weltkriegs legte der Erfolg der sozialen Marktwirtschaft die Grundlagen für den Wiederaufstieg der Bundesrepublik Deutschland in die internationale Wirtschaftsgemeinschaft und ließ die Zeitgenossen von einem “Wirtschaftswunder” sprechen. Zudem hatte die wirtschaftliche Stabilität positive Auswirkungen auf die Anerkennung des demokratischen politischen Systems. Nachdem der Einfluss Ludwig Erhards – mit Unterstützung von Konrad Adenauer und den Westalliierten – eine marktwirtschaftliche Ordnung durchgesetzt hatte, sind heute den meisten Bundesbürgern der Name Ludwig Erhard und der Begriff der sozialen Marktwirtschaft gut vertraut. 

Vielen Geschichtsinteressierten ist dabei heutzutage gar nicht mehr bewusst, dass bei den Überlegungen zur wirtschaftlichen Neuordnung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg Sozialisierungsvorstellungen bis weit ins konservative Spektrum der neu entstandenen Parteienlandschaft bestanden. Dies manifestierte sich unter anderem 1947 in der Auflage des „Ahlener Programms“ durch die CDU. Das erste wirtschaftspolitische Grundsatzprogramm der Christdemokraten nach Kriegsende forderte beispielsweise eine teilweise Vergesellschaftung der Großindustrie und starke Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer.

Ludwig Erhard und die „neoliberale Schule”

Die Ursachen, warum sich letztendlich ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem in Westdeutschland durchsetzte und Deutschland nicht Kurs auf eine sozialistische Demokratie nahm, sind fest verbunden mit dem Namen „Ludwig Erhard“. Dieser Ludwig Erhard konnte zwar keine politische Erfahrung aus der Weimarer Republik vorweisen. Ab 1948 in den „Wirren der Nachkriegszeit“ leitete Erhard trotzdem den Frankfurter Wirtschaftsrat der amerikanisch-britischen Bi-Zone (sozusagen der Vorgänger des Bundeswirtschaftsministeriums) als parteiloser Wirtschaftswissenschaftler.

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Luftaufnahmen eines vollkommen zerbombten Hamburger Stadtteils
Nach dem 2. Weltkrieg stand die deutsche Wirtschaft vor gewaltige Aufgaben des Wiederaufbaus, wie hier in Hamburg

Erhards wirtschaftspolitischen Vorstellungen basierten auf der neoliberalen bzw. ordo-liberalen Schule. Vordenker der sozialen Marktwirtschaft waren z. B. Männer wie Walter Eucken. Die Wirtschaftswissenschaftler um W. Eucken blieben auch nach der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre strikte Befürworter einer grundsätzlich freien Marktwirtschaft. Die „Neoliberalen“ zogen dennoch Konsequenzen aus dem Niedergang der Weltwirtschaft ab ca. 1929. So besagte ihre Lehre, dass der ungebremste „laisser faire“ Manchester-Kapitalismus durch Monopoleismus, Kartell-Bildung und Preisabsprachen in die Katastrophe geführt hätte. Die Neoliberalen wollten somit einen „starken Staat“, aber in klaren Grenzen. Er sollte Monopolbildung und Preisabsprachen verhindern und soziale Mechanismen schaffen (das Sozialversicherungssystem), um sozial Schwache und Benachteiligte aufzufangen und ihnen zu helfen. nach oben ↑

1948: Abschaffung der Zwangswirtschaft und Übergang zur sozialen Marktwirtschaft

Mit diesen wissenschaftstheoretischen Grundeinstellungen profilierte sich Erhard nach Kriegsende als Befürworter einer schnellen Abschaffung der Zwangswirtschaft und eines Übergangs zur Marktwirtschaft. Er sorgte im Sommer 1948 – quasi im Alleingang und entgegen der Empfehlung seiner Berater und gegen den anfänglichen Widerstand der Alliierten – für die Wiedereinführung einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung, der Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung und der Preisbindung für 90 % der Waren (wobei allerdings staatliche Reglementierungen in einigen Wirtschaftsbereichen, wie z. B. der Immobilienbranche, bis weit in die 50er Jahre aufrechterhalten blieben).
Außerdem erreichte Erhard 1949 mit Unterstützung Konrad Adenauers – der mittlerweile die CDU dominierte und dessen wirtschaftspolitischen Vorstellungen das Ahlener Programm ebenfalls nicht entsprach – die Festlegung der CDU auf marktwirtschaftliche Grundsätze. Diese manifestierten sich nun im neuen wirtschaftspolitischen (Wahl-)Programm der CDU, den „Düsseldorfer Leitsätzen“, die alle späteren Merkmale der sozialen Marktwirtschaft enthielten. Trotz massiver Widerstände vor allem des Arbeitnehmerflügels der CDU konnte Erhard, mit Unterstützung Adenauers, die marktwirtschaftliche Ausrichtung durchsetzen. nach oben ↑

Das „Wirtschaftswunder”

Wahlplakat mit Ludwig Erhard und dem Titel "Wohlstand für Berlin"
Als Vater der sozialen Marktwirtschaft und des Wirtschaftswunders auch 1957 noch ein gefragter Redner: Ludwig Erhard |© Bild: KAS-Bild-14217-1, CC-BY-SA-3.0-de

Mit den im letzten Abschnitt beschriebenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen hatte Ludwig Erhard das Fundament für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg der jungen Bundesrepublik Deutschland gelegt. Zunächst allerdings deutete wenig auf einen Wiederaufschwung hin. In der sog „Korea-Krise“ Anfang 1950 stiegen die Arbeitslosenzahlen deutlich an. Warum sich die Wirtschaft bald spürbar erholte und in eine Phase des stetigen Wachstums überging, lag an einer ganzen Reihe von wirtschaftlichen Anschubmechanismen nach dem 2. Weltkrieg.

So folgte auf die schlechte weltwirtschaftliche Lage der Korea-Krise bald darauf der sog. „Korea-Boom“. Erstmals nach dem 2. Weltkrieg verbesserte sich die Weltwirtschaftslage substanziell. Der deutschen Wirtschaft waren schon ab 1948 die Investitions-Hilfen aus dem Marshall-Plan und personelle und wissenschaftliche Modernisierungshilfe durch die Amerikaner zu Gute gekommen. Das Londoner Schuldenabkommen von 1953 reduzierte die Vorkriegsschulden Deutschlands auf 13,73 Milliarden Mark, was einen Schuldenschnitt von ca. 50 Prozent bedeutete. Zudem stellte man sämtliche Reparationsverpflichtungen Deutschlands bis zu einer endgültigen Regelung zurück (die 1990 in den Zwei-plus-Vier-Verträgen infolge der Wiedervereinigung getroffen wurde).

In der Anfangsphase der Bundesrepublik führte die Unterbewertung der D-Mark, die 1948 per Währungsreform von den Alliierten in den Westzonen eingeführt worden war, zu einer ausgeprägten Exportstärke der Bundesrepublik. Der wirtschaftlich potente deutsche Export traf in der Phase starker Aufbautätigkeit nach dem 2. Weltkrieg, in der auch andere westeuropäische Staaten ein ausgeprägtes Wirtschaftswachstum verzeichneten, auf eine große Nachfrage nach deutscher Qualitätsware wie Fahrzeugen, Maschinen, Chemie und Elektrik. Weiterhin sorgte eine intensive Exportförderung der Bundesregierung und die Integration der Bundesrepublik in internationale Handelsorganisationen (OEEC, GATT, internationaler Währungsfond etc.) für eine weitere Festigung dieser Exportstärke. nach oben ↑

Gründe des wirtschaftlichen Aufschwungs ab 1950

Neben L. Erhard ein weiterer wichtiger Mann des deutschen Wirtschaftswunders George C. Marschall
Im Hintergrund von Erhard verantworteten auch die Westalliierten – allen voran George C. Marshall – das deutsche „Wirtschaftswunder“ | Foto: US Army, Lizenz: Public Domain

Weitere Faktoren, welche die Bedeutung der bundesrepublikanischen Volkswirtschaft auf dem Weltmarkt stärkten, stellten die geringen bis moderaten Lohnkosten dar, die nach Kriegsende durch eine niedrige Ausgangslohnbasis Deutschland wirtschaftliche Vorteile verschafften. Auch die vielen meist sehr gut ausgebildeten Vertriebenen stellten – zunächst zumindest – ein großes Reservoir an billigen Arbeitskräften dar. Später konnten sie gewinnbringend für den Wirtschaftsstaat in die neu entstandene Bundesrepublik integriert werden. Zudem belasteten bis 1955 keine Ausgaben für ein eigenes Militär den Bundeshaushalt. Die umsichtige Finanz- und Geldpolitik der Bundesrepublik, verbunden mit der Unabhängigkeit der Bundeszentralbank, führte weiterhin zu einer großen Stabilität der D-Mark. Der hoher Anteil der Investitionen am Bruttosozialprodukt flaute auch Mitte der 1950er Jahre nicht ab, sondern steigerte sich noch einmal von 22,8 %, 1950 auf ganze 28, 8 % 1965.

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Ab Mitte der 1950er Jahre unterstützen weitere Faktoren das Wirtschaftswachstum. So dürfen ab einem gewissen Zeitpunkt, neben der Exportstärke Deutschlands, die hohe Inlandsnachfrage und der Binnenkonsum in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden. Vor allem ab 1955 stieg die Konsumbereitschaft der Deutschen immer weiter an. Sie steigerte sich in die berühmt gewordenen „Wellen“. Es begann mit der Fresswelle, worauf die Bekleidungswelle, die Wohnwelle, die Reisewelle und schließlich die Motorisierungswelle folgten. Die moderne Freizeit- und Konsumgesellschaft war nun auch in Deutschland – nach ihren Anfängen in der Weimarer Republik – von der sozialen Marktwirtschaft zum Durchbruch verholfen worden. Enorm positiv wirkte sich zudem der gelungene Interessenausgleich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus, der mit der Neuregelung des Tarifrechts 1952 viel zur Erhaltung des sozialen Friedens beitrug. nach oben ↑

Merkmale, Zahlen und Fakten des „Wirtschaftswunders”

Schwarz-Weiß Bild einer VW Käfer Ralley: Langer Korso aus verschiedenen VW Käfers
Der anhaltende wirtschaftliche Aufschwung führte in den 50er Jahren schließlich zur sog. Mobilisierungswelle. Eine wichtige Rolle spielte dabei der “Käfer” von Volkswagen| © Bundesarchiv, Bild 183-1990-0430-004 / CC-BY-SA 3.0

Alles in allem setzten diese Faktoren ab ca. 1950 ein beeindruckendes und im Verlauf der Geschichte beinahe einzigartiges Wirtschaftswachstum in Gang. Es führte im Verlaufe des Jahrzehnts zu einer vorher nie dagewesenen wirtschaftlichen Prosperitätsperiode. Bevölkerung und Wirtschaftsexperten – aber nicht alle Historiker – sprachen gleichermaßen vom deutschen „Wirtschaftswunder“. Unter Historikern bleibt umstritten, ob es sich um ein Wunder handelte. Seine Zahlen lesen sich beeindruckend: So sind die Jahre 1948 – 1962 von einem stetigen Wachstum des Bruttosozialprodukts mit Vollbeschäftigung seit den 50er Jahren Jahren gekennzeichnet. Dabei lag das Wachstum des Bruttosozialprodukts 1950 – 1955 bei durchschnittlich 9 % und 1955 – 1960 bei durchschnittlich 6 %. Das bedeutete einen Anstieg des Brutto-Sozialprodukts um das Dreifache in 10 Jahren. Darüber hinaus stiegen die durchschnittlichen Netto-Einkommen zwischen 1950 – 1960 um das Zweieinhalbfache.

Die Bevölkerung erlebte so den Wirtschaftsaufschwung unmittelbar. Nahezu alle Bürger erlebten die Steigerung an der persönlichen, wirtschaftlichen Situation. Die direkte Wahrnehmung des neuen allgemeinen Wohlstands stabilisierte die Integration der Demokratie in das Staatswesen und in das politische System Deutschlands. Ein durchaus nicht zu vernachlässigender Aspekt ist auch jener, dass der wirtschaftliche Erfolg nicht nur die Akzeptanz des neuen demokratischen Systems, sondern auch die Machtbasis von Konrad Adenauer enorm stabilisierte.

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