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Die Anfänge Louise Otto-Peters als Frauen-Journalistin im 19. Jahrhundert

Portrait von Robert Blum gemalt von August Hunger
Robert Blum, Portrait von August Hunger, zwischen 1845 und 1848

Sächsische Vaterlandsblätter und Robert Blum

Der erste bekannte journalistische Beitrag Louise Otto-Peters wurde 1843 in „Unser Planet“ veröffentlicht. In ihrem Artikel „Zur Frauenemancipation“ berichtet sie über zwei Vorlesungen von Dr. Carl Eduard Vehse, in denen er sich mit der sozialen Stellung der Frau beschäftigte. Hier schrieb sie noch unter ihrem Pseudonym Otto Stern. Kurze Zeit später verfasste sie ihre bekannt gewordenen Antworten in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“.  Diese Beiträge sind die ersten, die sie mit ihrem vollen Namen unterzeichnete. Die Debatte in den von Robert Blum geleiteten Sächsischen Vatelandblättern, markieren den Beginn der journalistischen Karriere einer bedeutenden Frauenrechtlerin: Louise Otto Peters.

In der folgenden Debatte habe ich nur die Beiträge Otto-Peters berücksichtigt. Es kamen auch andere Zuschriften zu diesem Thema in der Redaktion an, die jedoch an dieser Stelle keine Bedeutung haben.
In den von Robert Blum geleiteten „Sächsischen Vaterlandsblättern“ wurde im August 1843 ein Artikel unter der Überschrift „Die Theilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben“ veröffentlicht. Der Beitrag ist nicht namentlich gekennzeichnet, wird aber Robert Blum selbst zugeschrieben.
Der Autor fragt in diesem Beitrag, inwiefern sich Frauen an der Politik zu beteiligen haben:

Und worin besteht nun die heutige Volkssittlichkeit? Offenbar in der Theilnahme aller Einwohner des Staats am Staate; […] Die Theilnahme an der Gemeinde, am Staate, und an den Staaten oder der Menschheit, das erst macht heut zu Tage den Menschen zum Menschen. Wenn alle Menschen hierzu berufen sind, in welcher besondern Weise werden dann die Frauen ihre Theilnahme zu äußern haben? – Indem wir die Frage so stellen, sprechen wir damit von vorn herein uns gegen die frühere Ansicht der gänzlichen Ausschließung der weiblichen Welt von der Theilnahme am Staatsleben aus.

Für ihn steht nicht zur Debatte, ob sich die Frauen in irgendeiner Art beteiligen können bzw. müssen, er fragt lediglich, in welcher Form das geschehen sollte. Er stellt sich damit gegen die Beschränkung der Frauen auf den häuslichen Bereich, aber auch gegen eine zu rege Beteiligung am politischen Geschehen:

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„[…] es schickt sich für sie eine energische, aber keine activ eingreifende, eine muthvolle, aber nur innig ausdauernde und ausharrende, mit einem Worte keine männliche Theilnahme am öffentlichen Wesen.“

Weiterhin kritisiert er die „adligen“ Mütter, die sich allein glücklich schätzen, wenn ihre Töchter einen wohlhabenden Mann heiraten. Frauen sollten sich generell mehr für Politik interessieren, denn

„[…] es ziemt sich überhaupt nicht für sie, theilnahmslos sich wegzuwenden, sobald nur ein Anflug von Politik in das Gespräch hineingemischt wird“ .

In diesem Artikel findet man bereits zwei wichtige Punkte, für die sich später Louise Otto-Peters in vielen Beiträgen einsetzt: Die politische Aktivität der Frauen und nicht die Beschränkung auf das rein Häusliche.

Louise Otto-Peters reagierte auf diesen Beitrag ungefähr zwei Wochen später mit einer Zuschrift aus Meißen, die sie mit ihrem Mädchennamen unterzeichnete. Noch ein wenig zurückhaltend und ängstlich bezieht sie Stellung:

Schüchtern zwar, aber doch wage ich zu hoffen, daß d. Bl. [dieses Blatt] […] sich auch einem jungen Mädchen nicht verschließen werde, das bescheiden nur ein Wort in der Sache eines ganzen Geschlechts, dem es mit Liebe und Freudigkeit angehört, bittet. […] meine Aufgabe ist nur, die Sache vom weiblichen Standpuncte aus und mit weiblichem Gefühl zu betrachten, und weil sie mir so nahe liegt, so tief in mein innerstes Leben greift, glaube ich das Recht zu haben, mich über sie öffentlich auszusprechen.

Aus diesen Zeilen kann man herauslesen, wie sehr ihr dieses Thema bereits am Herzen lag und wie froh sie darüber ist, eine Gelegenheit zu haben, sich öffentlich zu äußern.
Ihrer Meinung nach müssen sich auch Frauen für das Wohl des Staates interessieren, jede Teilnahmslosigkeit bezeichnet sie als „widernatürlich“ . Allein schon patriotische Gefühle führen für sie zum Interesse an der Politik und damit zum Recht an der Teilhabe:

„[…] und wer sein Vaterland und sein Volk liebt, hat der kein Recht, danach zu fragen, wie es ihm geht? […] sie muß des Geliebten denken, muß sich wenigstens im Geist und Gemüth mit ihm beschäftigen, kann nicht gleichgültig bei seinen Schicksalen bleiben.“

Sie erkennt aber, dass die meisten Frauen ein großes Desinteresse zeigen. Damit sich zumindest die weibliche Jugend mehr für Politik interessieren wird, plädiert Louise Otto-Peters für einen verbesserten Schulunterricht. Vor allem im Fach Geschichte sieht sie den Schlüssel zur Lösung und schlägt vor, dass auch aktuelle Tageszeitungen im Unterricht besprochen werden sollten. Otto-Peters beendet ihren Beitrag mit der Hoffnung, dass sich noch weitere Frauen zu diesem wichtigen Thema äußern, und mit dem Hinweis, dass sie selbst nur nach Aufforderung der Redaktion wieder dazu Stellung nehmen wird. Dieses Angebot erscheint am unteren Rand des Beitrages:

„Genügt dem wackern, vaterlandsliebenden deutschen Mädchen unsere Aufforderung, so hoffen wir ihre Ansichten recht bald wieder hier ausgesprochen zu sehen. Die Red.“

Dieser Aufforderung kam Louise Otto-Peters schnell nach. Am 28. Oktober 1843 erschien auf Seite eins der „Sächsischen Vaterlandsblätter“ ein weiterer Beitrag von ihr unter dem Titel „Ueber Weiblichkeit“ . Sie erklärt in diesem Artikel, was sie unter „Weiblichkeit“ versteht: Als ersten Punkt führt sie das Gefühl an, „die laute Sprache des Herzens“ . Damit meint sie aber nicht, dass Frauen nur auf ihr Gefühl hören sollten, sondern ein Gleichgewicht zwischen Gefühl und rationalem Denken. Dazu kommt die „Liebe“ als eine weitere typisch weibliche Eigenschaft.
Diese Einschätzung entspricht dem damals gängigen Weiblichkeitsbild, in dem die Frau den gefühlvollen Part übernahm, der Mann hingegen den aktiven, starken und sehr rationalen.
Für Otto-Peters ist entsprechend der allgemeinen Auffassung die Tätigkeit der Ehefrau und Mutter die größte Erfüllung für Frauen. Jedoch sollten diese Aufgaben nicht die einzigen bleiben, denn auch die Frauen müssen sich politisch beteiligen können:

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„[…] die Zeit des Fortschrittes wird auch die Frauen mit sich weiter reißen- die Zeit, in der das ganze, große Vaterland zum Bewußtsein erwacht, seine Rechte fordert und erringt, wird auch den deutschen Frauen die ihren nicht verweigern.“

Im November wurde in den Nummern 187 und 188 der „Vaterlandsblätter“ ein zweiteiliger Artikel Otto-Peters veröffentlicht. Der Beitrag „Frauen und Politik“ erschien wiederum auf der ersten Seite des Blattes. Sie berichtet vom wachsenden Interesse der Frauen an der Politik, das aber viele verbergen, aus Angst, nicht ernst genommen zu werden. Otto-Peters bedauert aber, dass nach wie vor Frauen, die Begeisterung und Wissen über Politik zeigen, die Ausnahme darstellen. Sie begründet diesen Umstand mit der mangelhaften Bildung des weiblichen Geschlechts. Sehr deutlich stellt sie fest: „Die Erziehung und Bildung der Frauen steht mit unsern staatlichen und socialen Verhältnissen im Widerspruch.“ Die Schule ende für Mädchen bereits im vierzehnten Lebensjahr, einem Alter, in dem Mädchen „erst die Fähigkeit gewinnen, nicht Alles, […] auf Treu und Glauben blindlings hinzunehmen: – in einem solchen Alter wird die weibliche Bildung für vollendet betrachtet“. Es widerstrebt Otto-Peters, dass nichts gegen die künftige Abhängigkeit der Mädchen von ihren späteren Ehemännern getan werde.
Im zweiten Teil ihres Artikels fordert sie:

„Die Frau muß fähig sein, selbstständig zu urtheilen, oder sie verletzt die menschliche Würde und ihre Weiblichkeit, indem sie zum Papagei wird, der gedankenlos nachplappert, was der Gebieter ihm vorgesprochen.“

Die Debatte ging weiter, als Robert Blum einen weiteren Artikel über „Die Theilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben“ in seiner Zeitschrift veröffentlichte. Louise Otto-Peters äußerte sich in drei weiteren Beiträgen zu diesem Thema: Im Februar 1844 unter dem Titel „Ueber das erwachende Interesse der Frauen an der Politik“ , im Mai mit dem Artikel „Frauen und Politik“, und abschließend schrieb sie im Oktober 1844 „Ueber weibliche Erziehung“ . Dieser Artikel markiert zugleich das Ende der Debatte in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“.

Beeindruckend an diesen Artikeln Otto-Peters ist vor allem das frühe Datum. 1843 war sie gerade 23 Jahre alt und trotzdem schon sehr gefestigt in ihren Emanzipationsbestrebungen. Sie war eine der ersten Frauen, die sich öffentlich so vehement für ihr Geschlecht einsetzten. Dabei benutzte sie, bis auf wenige Ausnahmen ganz zu Anfang, weder ein Pseudonym noch schrieb sie anonym. In ihrem ersten Artikel äußerte sie sich noch zaghaft, aber bereits ab dem zweiten Beitrag schrieb sie klar und deutlich ihre Meinung und formulierte sogar Verbesserungsvorschläge. Man liest heraus, dass ihr bewusst war, dass sie mit dieser für Frauen sehr offensiven Art nicht überall auf Verständnis stoßen würde. Aber jede mögliche Kritik oder jeder potentielle verbale Angriff auf ihre Person hielten sie nicht davon ab, sich von dieser Zeit an bis zu ihrem Tod für die Rechte der Frauen einzusetzen. Bereits 1843 und 1844 besaß sie die Grundideen und -überzeugungen, die sie bis zum Ende vertrat: Die Notwendigkeit einer besseren Schulbildung für Frauen, um deren Unmündigkeit zu beseitigen, sowie die Pflicht der Frauen, am politischen Geschehen teilzunehmen, zugleich aber ihre Weiblichkeit zu erhalten.

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Literatur und Auswahlbibliographie:
  • „Zur Frauenemancipation“: In: Unser Planet Nummer 27, 1843, S. 106-108.
  • „Die Theilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben“: In: Sächsische Vaterlandsblätter, Nummer 134, 22.8.1843, S. 591ff.
  • „Meißen (Die Frauen)“: In: Sächsische Vaterlandsblätter, Nummer 142, 5.9.1843, S. 633ff.
  • „Ueber Weiblichkeit“, in Sächsische Vaterlandsblätter Nummer 172, 28.10.1843, S. 751f.
  • „Frauen und Politik“ in Sächsische Vaterlandsblätter, Nummer 187 und 188, 23. und 25. November 1843, S. 811f. und 815f.
  • „Ueber das erwachende Interesse der Frauen an der Politik“: In: Sächsische Vaterlandsblätter, Nummer 26, 15.2.1844, S. 103f.
  • „Frauen und Politik“: In: Sächsische Vaterlandsblätter, Heft 71, 4.5.1844, S. 285-287.
  • „Ueber weibliche Erziehung“: In: Sächsische Vaterlandsblätter, Heft 174, 31.10.1844, S. 705f.
  • Louise-Otto-Peters- Gesellschaft e.V. Leipzig (Hrsg.): Frauen erfahren- Frauen bewahren. Berichte vom 15. Louise Otto-Peters -Tag 2007, LOUISEum 27, Leipzig 2008
  • Ludwig Johanna, Schötz Susanne, Rothenburg Hannelore (Hrsg.): Louise-Otto-Peters-Jahrbuch III/ 2009. Forschungen zur Schriftstellerin, Journalistin, Publizistin und Frauenpolitikerin (1819-1895). Edition und Kommentierung der Tagebücher Louise Ottos 1849-1857, Leipzig 2010.
  • Ulla Wischermann: „Das Himmelskind, die Freiheit- wir ziehen sie gross zu Haus“. In: Claudia Opitz , Elke Kleinau (Hrsg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung: Bd.2: Vom Vormärz bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main 1996.